


Rory McIlroy rechnet damit, dass mehrere Spieler LIV Golf in den kommenden Monaten verlassen werden. Der Nordire sieht darin nicht zwangsläufig ein Problem für den professionellen Golfsport – im Gegenteil: Eine Rückkehr prominenter LIV-Spieler könnte die Turniere der traditionellen Touren sportlich aufwerten.
„Ich würde vorhersagen, dass einige Spieler die Tour verlassen“, sagte McIlroy bei einer Pressekonferenz vor der Irish Open der DP World Tour. Zugleich bezweifelt er, dass die geplante neue Version der Liga für die Spieler ähnlich attraktiv sein wird wie das ursprüngliche LIV-Modell. „LIV war zu Beginn aus finanzieller Sicht deutlich attraktiver als das, was LIV 2.0 sein könnte“, erklärte er.
Damit rückt nach dem Chapter-11-Antrag eine zweite, mindestens ebenso wichtige Frage in den Mittelpunkt: Welche Spieler bleiben bei LIV Golf – und wer sucht sich eine neue sportliche Heimat?
LIV Golf hat in den USA Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragt und will die Liga in veränderter Form fortführen. Die geplante Neuorganisation soll mit Unterstützung von BC Partners, einer Übergangsfinanzierung des saudischen Public Investment Fund und einem stärker spielergetragenen Eigentumsmodell gelingen.
Die finanziellen Hintergründe, die Gläubigerliste und die bisher bekannten Pläne für LIV 2.0 haben wir in einem separaten Hintergrundartikel ausführlich zusammengefasst. Im neuen Verfahren geht es nun vor allem darum, ob LIV genügend Spieler für den Neustart gewinnen kann.
Nach den bisherigen Planungen soll LIV 2.0 deutlich kleiner ausfallen als die ursprüngliche Version. Im Gespräch sind etwa zehn Turniere, Felder mit 75 Spielern, ein Cut und zusätzliche Qualifikationsmöglichkeiten. Auch bei den Preisgeldern ist eine Reduzierung vorgesehen. Je nach Bericht sind pro Turnier etwa sieben bis zehn Millionen US-Dollar im Gespräch – deutlich weniger als bei der ursprünglichen, von hohen Garantiezahlungen geprägten Version der Liga.
Lesen Sie hier alles zum Insolvenzantrag von LIV Golf.
Besonders aufmerksam wird die Zukunft von Jon Rahm verfolgt. Der Spanier gehört zu den bekanntesten Spielern der Liga und führt zugleich die Liste der größten unbesicherten Forderungen gegen LIV Golf an. Nach den übereinstimmenden Informationen soll ihm die Liga rund 7,5 Millionen US-Dollar schulden - allein für das letzte Quartal.
Eine definitive Zusage für LIV 2.0 hat Rahm bislang nicht gemacht. Der in LIV-Sachen gewöhnlich gut informierte Social-Media-Kanal „Flushing It“ weist außerdem darauf hin, dass Rahm einen Gruppenchat verlassen haben soll, über den LIV-Chef Scott O’Neil die Spieler über die geplante Neuordnung informiert. Sollte dieser Bericht zutreffen, wäre Rahm neben Danny Lee der einzige Spieler, der die Gruppe verlassen hat. Lee verließ LIV Golf allerdings bereits vor der abgelaufenen Saison.
Der Schritt wäre ein deutliches Indiz für Distanz zur neuen Liga, aber noch keine offizielle Wechselankündigung. Rahm hat weder seinen Abschied von LIV Golf bestätigt noch eine Rückkehr zur PGA Tour angekündigt. Seine Entscheidung könnte dennoch eine Signalwirkung haben. Als einer der sportlich wichtigsten Spieler und größter genannter Gläubiger dürfte er bei den Verhandlungen über die Zukunft von LIV eine besondere Rolle spielen.
Auch Tyrrell Hatton und Tom McKibbin gelten in den vorliegenden Berichten als mögliche Kandidaten für einen Wechsel. Beide könnten bei einer Rückkehr zur DP World Tour ihre sportliche Perspektive in Europa verbessern. Für McKibbin wäre ein Wechsel zudem im Hinblick auf die Qualifikation für den Ryder Cup 2027 von Bedeutung.
Eine offizielle Bestätigung liegt für keinen der beiden Spieler vor. Die Berichte zeigen jedoch, dass sich die Diskussion über LIV 2.0 nicht nur auf Rahm beschränkt. Innerhalb des Spielerfelds scheint vielmehr grundsätzlich offen zu sein, ob die neue Liga den bisherigen finanziellen und sportlichen Anreiz aufrechterhalten kann.
Ein Bericht von „Flushing It“ beschreibt die Stimmung besonders zugespitzt. „Ich habe bislang mit keinem Spieler gesprochen, der sich LIV Golf 2.0 verpflichtet fühlt“, heißt es dort. Mehrere aktuelle Spieler hätten erklärt, mit der Liga „fertig“ zu sein. Die Aussagen stammen aus einer Recherche mit nicht namentlich genannten Quellen und sind deshalb als Stimmungsbild, nicht als bestätigte Liste bevorstehender Abgänge, einzuordnen.
Bei Bryson DeChambeau und Cameron Smith ist die Quellenlage widersprüchlich. Beide werden in einzelnen Berichten als Spieler genannt, die LIV 2.0 grundsätzlich unterstützen könnten. Gleichzeitig erscheinen sie in Einschätzungen zu möglichen Rückkehrern auf die traditionellen Touren.
DeChambeaus Vertrag mit LIV soll am Ende der Saison ausgelaufen sein. Zudem wird er in den Insolvenzunterlagen als einer der größten unbesicherten Gläubiger geführt. Smith gehört ebenfalls zu den Spielern, denen LIV noch erhebliche Beträge schulden soll. Aus der Höhe einer offenen Forderung lässt sich allerdings nicht ableiten, ob ein Spieler bei der neuen Liga bleibt oder sie verlässt.
Für beide gilt daher: Sie sind wichtige Namen für die Zukunft von LIV 2.0, haben sich nach den bisherigen Berichten aber nicht eindeutig festgelegt. Gerade ihr Umgang mit der neuen wirtschaftlichen Situation dürfte mitentscheiden, wie attraktiv das geplante Spielerfeld am Ende aussieht.
Lee Westwood steht beispielhaft für jene Spieler, die sich noch nicht festlegen wollen. „Ich glaube, einige werden bleiben und andere nicht“, sagte der Engländer gegenüber TalkSport. Er wolle sich LIV 2.0 zunächst genau ansehen und anschließend eine Entscheidung treffen.
Westwoods Haltung macht deutlich, worauf es für viele Spieler ankommen dürfte: auf den künftigen Spielplan, die Höhe der Preisgelder, die Vertragsbedingungen und die sportlichen Möglichkeiten außerhalb von LIV. Der Engländer verwies zugleich darauf, dass eine Insolvenz für viele Beteiligte keine gute Nachricht sei. Die neue Liga muss deshalb nicht nur ein neues Geschäftsmodell erklären, sondern auch Vertrauen bei den Spielern zurückgewinnen.

Für LIV Golf ist die Zusammensetzung des neuen Feldes nicht nur eine sportliche Frage. Die Restrukturierungsunterlagen sehen offenbar eine kurze Frist für die Zustimmung der betroffenen Spieler vor. Innerhalb von 35 Tagen nach dem Insolvenzantrag muss eine ausreichende Zahl von ihnen dem Restrukturierungsabkommen beitreten.
Nach den in den Quellen beschriebenen Bedingungen müssen die zustimmenden Spieler zusammen mindestens die Hälfte der relevanten Forderungen nach Anzahl und mindestens zwei Drittel der Forderungssumme repräsentieren. Entscheidend ist dabei nicht einfach die Hälfte des bisherigen LIV-Feldes. Maßgeblich ist die Gruppe der Spieler mit den entsprechenden Forderungen gegen die Liga.
Für LIV erhöht das den Druck. Die Spieler mit den größten offenen Ansprüchen sind zugleich einige der bekanntesten Namen der Tour. Wenn Rahm, DeChambeau, Dustin Johnson, Smith oder andere prominente Spieler nicht mitziehen, könnte das die Restrukturierung erschweren und die sportliche Attraktivität der neuen Liga schwächen.
Von möglichen Abgängen könnte vor allem die DP World Tour profitieren. Die europäische Tour erklärte, sie habe in den vergangenen Wochen eine große Zahl von Anfragen aus dem Umfeld von LIV-Spielern erhalten und prüfe, unter welchen Bedingungen sie diese Spieler aufnehmen könne.
„Angesichts des hohen Volumens an Interessenbekundungen und Anfragen, die wir in den vergangenen Wochen erhalten haben, prüfen wir die Bedingungen, unter denen wir Spieler aufnehmen können“, teilte ein Sprecher der DP World Tour der BBC mit. Voraussetzung sei, dass die Spieler von vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Dritten frei seien und die Mitgliedschaftsregeln der Tour akzeptierten.
Das ist noch keine pauschale Rückkehrerlaubnis. Die Tour muss für jeden Fall prüfen, ob die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt sind und wie ein ehemaliger LIV-Spieler in den Kalender integriert werden kann. Dennoch zeigt die Reaktion, dass die europäische Tour die Entwicklung nicht nur als Problem, sondern auch als Chance betrachtet.
Ein Zustrom mehrerer Topspieler könnte die Felder der DP World Tour sportlich aufwerten. Gleichzeitig würde die Tour ihre Bedeutung als möglicher Weg zurück in den etablierten Profisport stärken.
Eine Rückkehr zur PGA Tour wäre dagegen keineswegs automatisch möglich. Die US-Tour hat bislang keinen allgemeinen Rückkehrweg für alle ehemaligen LIV-Spieler angekündigt. Das Beispiel Brooks Koepka zeigt, wie weit die Bedingungen gehen können: Für seine Rückkehr musste er unter anderem fünf Millionen US-Dollar für wohltätige Zwecke spenden, auf Zahlungen aus dem FedExCup-Bonusprogramm verzichten und bis 2030 auf die Teilnahme am Equity-Programm der PGA Tour verzichten.
Patrick Reed schlug einen anderen Weg ein. Nachdem er LIV verlassen hatte, versucht er nun, sich über die DP World Tour wieder für die PGA Tour zu qualifizieren. Derzeit läuft es gut, der ehemalige Masters-Sieger führt die Saisonwertung an. Für andere Spieler könnte ein ähnlicher Umweg notwendig werden – insbesondere dann, wenn die PGA Tour ihr Sonderprogramm für zurückkehrende LIV-Spieler nicht erneut auflegt.
Der Insolvenzantrag kann die vertragliche Situation der LIV-Spieler verändern. Er garantiert ihnen aber keinen Startplatz bei einer anderen Tour. Zwischen dem Ende einer Vereinbarung mit LIV und einer regulären Rückkehr auf die PGA Tour kann deshalb eine sportliche und rechtliche Lücke entstehen.
McIlroy bewertet diese mögliche Neuordnung grundsätzlich positiv. Nach seiner Einschätzung könnten ehemalige LIV-Spieler die Turniere der traditionellen Touren wettbewerbsfähiger machen. Besonders die DP World Tour könne davon profitieren, weil sie eng mit der PGA Tour zusammenarbeite und in bestimmten Monaten zusätzliche Topspieler gebrauchen könne.
„Bei LIV gibt es viele Spieler, die Turniere verstärken und sie wettbewerbsfähiger machen können. Deshalb würde ich das als etwas Gutes für die DP World Tour sehen“, sagte McIlroy. Insgesamt sei die Entwicklung „sehr gut für das Golf-Ökosystem“. McIlroys Bewertung ist auch vor dem Hintergrund seiner langjährigen Kritik an LIV Golf zu sehen. Sie beschreibt daher nicht nur eine sportliche Einschätzung, sondern zugleich seine grundsätzliche Haltung im Konflikt zwischen der saudisch finanzierten Liga und den traditionellen Touren.
Die Folgen reichen über die Tourkalender hinaus. Luke Donald, der Europa 2027 erneut als Ryder-Cup-Kapitän anführen soll, verwies auf die Unsicherheit rund um die LIV-Spieler. Für ihn sei entscheidend, dass die besten Spieler verfügbar seien und möglichst viele gewertete Turniere bestritten.
Sollten Rahm, Hatton oder andere prominente Spieler künftig regelmäßig auf der DP World Tour antreten, könnten sie dort wieder wichtige Punkte für die Qualifikation sammeln. Das würde ihre Chancen auf einen der automatischen Plätze im europäischen Ryder-Cup-Team verbessern. Gleichzeitig müsste Donald beobachten, wie schnell sich die Spieler in den etablierten Kalender integrieren.
Trotz der zahlreichen Fragezeichen ist das Ende von LIV Golf nicht besiegelt. Die Liga verfügt über einen Plan für eine kleinere Fortsetzung, einen vorgesehenen neuen Investor und eine Übergangsfinanzierung für das Insolvenzverfahren. Einige Spieler könnten sich außerdem bewusst für ein reduziertes Modell entscheiden, wenn ihnen der Teamcharakter, ein kompakter Kalender oder die Aussicht auf eine Beteiligung an der neuen Gesellschaft attraktiv erscheinen.
Der Neustart steht jedoch unter anderen Vorzeichen als die ursprüngliche LIV-Version. Die Liga muss mit weniger Geld auskommen, kann offenbar nicht mehr dieselben Garantien versprechen und ist auf die Zustimmung ihrer Spieler angewiesen. Je mehr Stars sich abwenden, desto schwieriger dürfte es werden, Sponsoren, Zuschauer und weitere Investoren von der Zukunftsfähigkeit des Projekts zu überzeugen.
Der Chapter-11-Antrag hat die Zukunft von LIV Golf nicht entschieden. Er hat aber ein enges Entscheidungsfenster geöffnet. Rahm und andere Topspieler müssen abwägen, ob LIV 2.0 trotz kleinerem Kalender und geringeren finanziellen Anreizen eine Perspektive bietet. Die DP World Tour prüft derweil, wie viele ehemalige LIV-Spieler sie aufnehmen kann. Für die PGA Tour bleibt die Rückkehr deutlich schwieriger.
Damit steht nicht nur die Frage im Raum, ob LIV Golf als kleinere Liga weiterbestehen kann. Es geht auch darum, ob der Profisport nach Jahren der Spaltung wieder mehr gemeinsame Turniere und stärkere Felder erlebt. McIlroys Einschätzung könnte sich dann bestätigen – oder LIV findet doch noch genügend Spieler für einen eigenständigen Neustart.
10 Sep 2026
Rory McIlroy erwartet, dass viele Spieler LIV Golf den Rücken kehren werden. (Foto: Imago / Inpho Photography)