


Die umstrittene Golfliga hat in den USA ein Chapter-11-Verfahren eingeleitet. Nach dem Rückzug des saudischen Staatsfonds weist LIV Golf Verbindlichkeiten von bis zu einer Milliarde US-Dollar aus. Gleichzeitig soll bereits an einer kleineren, mehrheitlich von den Spielern getragenen Version für 2027 gearbeitet werden.
LIV Golf steht vor einem tiefgreifenden Umbruch. Die bis vor kurzem von Saudi-Arabiens Public Investment Fund (PIF) finanzierte Golfliga hat am Dienstag, 8. September 2026, beim Insolvenzgericht im US-Bundesstaat New Jersey Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragt. Das Verfahren soll LIV Zeit verschaffen, Schulden und Verträge neu zu ordnen, eine neue Finanzierung zu sichern und den Spielbetrieb in veränderter Form fortzusetzen.
Für die Liga bedeutet der Antrag nicht automatisch das sofortige Ende. Chapter 11 ist im US-Recht in erster Linie ein gerichtliches Reorganisationsverfahren. Ein Unternehmen kann seinen Betrieb grundsätzlich fortführen, während es mit Gläubigern, Investoren und Vertragspartnern über die Zukunft verhandelt. Zugleich macht der Antrag deutlich, dass das bisherige Geschäftsmodell ohne die milliardenschwere Unterstützung des PIF nicht aufrechterhalten werden kann.
Nach den vorgelegten Gerichtsunterlagen schätzt LIV Golf seine Vermögenswerte auf 100 bis 500 Millionen US-Dollar. Die Verbindlichkeiten sollen dagegen zwischen 500 Millionen und einer Milliarde US-Dollar liegen. Die Liga hat damit deutlich mehr Schulden als ausgewiesene Vermögenswerte.
Zu den größten unbesicherten Gläubigern gehören mehrere prominente Spieler. Jon Rahm führt die Liste mit einer Forderung von rund 7,5 Millionen US-Dollar an. Es folgen Bryson DeChambeau mit etwa 5,7 Millionen, Dustin Johnson mit rund 5,5 Millionen und Cameron Smith mit etwa 4,8 Millionen US-Dollar. Auch Tyrrell Hatton und Brooks Koepka werden in der Liste genannt. Koepka hatte LIV bereits verlassen und war zur PGA Tour zurückgekehrt.
Nach den bereitgestellten Angaben entfallen auf 14 aktuelle und ehemalige LIV-Spieler in der Liste der 30 größten unbesicherten Forderungen insgesamt etwas mehr als 45 Millionen US-Dollar. Diese Summe darf jedoch nicht mit den gesamten noch offenen Vertragswerten verwechselt werden. Eine mit den Zahlen vertraute Quelle erklärte gegenüber BBC Sport, die Liste beziehe sich auf offene und nicht gezahlte Beträge für das dritte Quartal 2026 – nicht zwangsläufig auf alle künftig fälligen Zahlungen.
Zudem werden einzelne Forderungen als bedingt oder bestritten geführt. Die Aufnahme in die Gläubigerliste ist daher noch keine abschließende Anerkennung durch LIV und garantiert auch keine vollständige Auszahlung. Wie viel die einzelnen Gläubiger letztlich erhalten, hängt vom weiteren Verlauf des Verfahrens und einem gerichtlich genehmigten Restrukturierungsplan ab.
Der unmittelbare Auslöser für die Krise war der Rückzug des saudischen Public Investment Fund. Der Staatsfonds hatte LIV Golf seit dem Start mit mehr als fünf Milliarden US-Dollar finanziert und im April angekündigt, die Liga künftig nicht mehr in ihrer bisherigen Form zu unterstützen. Zur Begründung hieß es, die umfangreiche Finanzierung über einen längeren Zeitraum passe nicht länger zur strategischen Ausrichtung des Fonds.
Nach dem Rückzug geriet LIV zunehmend unter Druck. In den vergangenen Monaten wurden Veranstaltungen abgesagt oder zusammengelegt, Zahlungen an Spieler und Dienstleister verzögerten sich, und die Liga baute Personal ab. Die Saison 2026 endete vorzeitig mit dem Turnier in Indianapolis.
Lesen Sie hier mehr über die Massenentlassungen bei LIV Golf Anfang September 2026.
Trotz des angekündigten Rückzugs soll der PIF LIV im Chapter-11-Verfahren mit 49,6 Millionen US-Dollar unterstützen. Die sogenannte Debtor-in-Possession-Finanzierung soll den laufenden Betrieb und die Restrukturierung ermöglichen, steht aber noch unter dem Vorbehalt der gerichtlichen Genehmigung. Der Kredit ist damit als Übergangsfinanzierung zu verstehen – nicht als Rückkehr zur früheren dauerhaften Finanzierung durch Saudi-Arabien.
Als neuer Investor beziehungsweise als Quelle einer späteren Exit-Finanzierung nennt LIV die Londoner Investmentgesellschaft BC Partners. Zusätzlich könnten weitere Minderheitsinvestoren hinzukommen. Die geplante Transaktion ist Teil des Restrukturierungsprozesses und muss nach den vorliegenden Informationen noch umgesetzt und im weiteren Verfahren bestätigt werden.
LIV-Chef Scott O’Neil stellte den Antrag in einem Schreiben an die Fans als Beginn einer neuen Phase dar. „Dieser Prozess gibt uns die Struktur und die Zeit, um eine wegweisende Transaktion voranzutreiben und das nächste Kapitel von LIV Golf zu beginnen – eines, das auf den Fans, einem innovativen, spielerorientierten Eigentumsmodell und einem Teil des globalen Golf-Ökosystems aufbaut“, schrieb O’Neil.
O’Neil bezeichnete das Verfahren außerdem als Grundlage für eine „stärkere und nachhaltigere Zukunft“ der Liga. Der Begriff Nachhaltigkeit ist dabei vor allem wirtschaftlich gemeint: Die neue Version soll mit weniger Kapital auskommen und stärker an den Interessen der Spieler ausgerichtet sein.
LIV Golf plant, möglichst früh im Jahr 2027 in veränderter Form zurückzukehren. Die angekündigte „LIV 2.0“ soll nach den bisherigen Plänen einen deutlich kleineren Kalender umfassen. In den bereitgestellten Berichten ist von etwa zehn Turnieren die Rede. Zum Vergleich: Die bisherige Liga war mit einem umfangreicheren Spielplan und hohen garantierten Zahlungen an Spieler und Teams angetreten.
Zu den geplanten Änderungen gehören:
Auch bei den Preisgeldern soll sich die Liga verändern. Sie sollen voraussichtlich unter dem Niveau der PGA Tour, aber über dem der DP World Tour liegen. Als mögliche Austragungsmärkte wurden unter anderem Australien, Südafrika, Mexiko, England, Hongkong und die USA genannt.
Ein endgültiger Spielplan für 2027 und eine bestätigte Teilnehmerliste liegen nach den vorliegenden Informationen allerdings noch nicht vor. Die genannten Punkte sind daher als Pläne und Absichtserklärungen von LIV Golf zu verstehen – nicht als bereits vollständig gesicherte Fakten.
Für die Spieler geht es nicht nur um die Frage, ob sie offene Zahlungen erhalten. Unklar ist auch, welche Wirkung der Chapter-11-Antrag auf die bestehenden Verträge hat.
BBC Sport berichtet unter Berufung auf informierte Quellen, dass Spieler nicht verpflichtet sein sollen, einen Vertrag mit „LIV 2.0“ zu unterschreiben – auch dann nicht, wenn sie zuvor mehrjährige Vereinbarungen mit LIV Golf geschlossen hatten. Zudem heißt es, die Verträge aus der bisherigen Version der Liga könnten durch das Verfahren beendet werden. Die offenen Beträge würden dann im Rahmen der gerichtlichen Restrukturierung behandelt.
Ob diese Einschätzung für alle Verträge gleichermaßen gilt, wann die Spieler mit anderen Touren verhandeln dürfen und ob ausstehende Zahlungen in Geld oder teilweise in Unternehmensanteilen abgegolten werden, ist weiterhin offen. LIV hat angekündigt, mit den Spielern auch über Beteiligungen an der neu organisierten Liga zu sprechen. Eine Beteiligung wäre jedoch nicht dasselbe wie eine sofortige und vollständige Auszahlung der offenen Forderung.
Auch die PGA Tour hat bislang keinen allgemeinen Rückweg für ehemalige LIV-Spieler angekündigt. Damit bleibt offen, ob Spieler wie Rahm, DeChambeau oder Smith kurzfristig auf die PGA Tour zurückkehren könnten oder zunächst andere Qualifikationswege beschreiten müssten.#

Besonders aufmerksam wird die Zukunft von Jon Rahm verfolgt. Der Spanier ist nicht nur der größte in den Unterlagen genannte unbesicherte Gläubiger. Er gehört auch zu den sportlich wichtigsten Spielern der Liga. Rahm war 2023 zu LIV Golf gewechselt und spielt inzwischen wieder ausgewählte Turniere der DP World Tour.
Vor der Irish Open wurde Rahm von BBC Sport nach seiner Zukunft gefragt. Eine definitive Zusage für LIV 2.0 gab er nicht. „Es sind einfach viele Dinge in Bewegung. Es gibt vieles, was passieren könnte, und es ist eine dieser Situationen, bei denen die Zeit zeigen wird, was geschieht“, sagte Rahm.
Auf seine bestehende Vereinbarung angesprochen, ergänzte er: „Ich habe weiterhin einen Vertrag mit LIV 1.0, den ich sehr gerne erfüllen würde. Wie gesagt: Die Zeit wird es zeigen.“
Eine Rückkehr zur PGA Tour schloss Rahm damit ebenso wenig aus wie eine Fortsetzung bei LIV. Auf die Frage, was passieren werde, falls sich eine Rückkehrmöglichkeit eröffne, antwortete er knapp: „Wir werden sehen, was passiert.“
Die Aussagen zeigen vor allem, wie unklar die Lage derzeit ist. Rahm hat weder seinen Abschied von LIV Golf noch eine Rückkehr zur PGA Tour angekündigt. Seine Entscheidung könnte jedoch weitreichende Folgen haben: für die sportliche Attraktivität von LIV 2.0, für die Verhandlungen mit weiteren Spielern und für potenzielle Investoren.
Der Chapter-11-Antrag beendet LIV Golf nicht automatisch. Er markiert aber das Ende der ersten, von hohen Vertragszahlungen, großen Preisgeldern und massiver saudischer Finanzierung geprägten Phase.
Ob der geplante Neustart gelingt, hängt nun von drei Faktoren ab. Erstens muss das Gericht den weiteren Finanzierungs- und Restrukturierungsschritten zustimmen. Zweitens muss LIV ausreichend prominente Spieler für die neue Version gewinnen. Drittens muss sich zeigen, ob eine kleinere Liga mit geringerem Budget ohne die frühere Unterstützung des PIF wirtschaftlich bestehen kann.
LIV Golf versucht damit, aus einer milliardenschweren Konkurrenzliga ein nachhaltigeres, stärker von den Spielern getragenes Geschäftsmodell zu machen. Ob daraus tatsächlich eine dauerhafte Tour entsteht, wird sich in den kommenden Monaten entscheiden – vor Gericht, in den Vertragsverhandlungen und auf dem Golfplatz.
09 Sep 2026
LIV Golf CEO Scott O'Neil hat bei einem Insolvenzgericht Gläubigerschutz beantragt. (Foto: Imago / Icon Sportswire)