


Vor wenigen Tagen noch glichen die Nachrichten aus dem Hauptquartier von LIV Golf einem Nachruf. Berichte über den Rückzug des saudischen Staatsfonds (PIF) und unmittelbar bevorstehende Zahlungsschwierigkeiten versetzten die Golfwelt in Aufruhr. Nun bricht CEO Scott O’Neil sein Schweigen. In einer Serie von Statements – und einem brisanten, mittlerweile gelöschten Interview – liefert er die Bestätigung für den radikalen Kurswechsel: Die Ära der unbegrenzten Milliarden ist vorbei. LIV Golf muss erwachsen werden – oder untergehen.
Es war das Eingeständnis, auf das Kritiker und Befürworter gleichermaßen gewartet haben. Scott O’Neil bestätigte in Mexiko-Stadt, was Insider seit Wochen vermuteten: Die finanzielle Garantie durch den Public Investment Fund (PIF) ist kein Dauerzustand mehr. In einem Interview mit TNT Sports, das kurz nach der Ausstrahlung von der Plattform entfernt wurde, sprach O’Neil ungewohnt offen über die neue Realität. Später wurde das Interview neu geschnitten wieder bereitgestellt.
„Die Realität ist, dass man bis zum Ende der Saison finanziert ist, und dann arbeitet man wie verrückt als Unternehmen, um einen Businessplan zu erstellen, der uns am Laufen hält“, so O’Neil. Dieses Zitat verschwand aus der Neufassung des Interviews nach dem Re-Upload. Damit sceint dennoch klar: Der Status von LIV als staatlich alimentiertes Prestigeprojekt endet spätestens mit der Saison 2026. O’Neil verglich die Situation mit einem klassischen Private-Equity-Unternehmen – ein harter Kontrast zur bisherigen Wahrnehmung der Tour als „Fass ohne Boden“.
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Die Zahlen, die das Ausmaß der Herausforderung verdeutlichen, sind ernüchternd. Trotz eines geschätzten Gesamtinvestments von über fünf Milliarden Dollar hat die Liga laut aktuellen Berichten allein bis Ende 2025 Verluste in Höhe von rund 1,4 Milliarden Dollar angehäuft. Dass der PIF nun auf die Bremse tritt, scheint eine logische Konsequenz der neuen saudischen Strategie 2026–2030 zu sein, die heimische Investitionen über internationale Sport-Experimente stellt.
Doch O’Neil hält dagegen. Er verweist auf 500 Millionen Dollar Sponsoring-Einnahmen im Jahr 2025 durch Partner wie Rolex und HSBC. Für ihn ist LIV kein Scheitern, sondern ein Start-up in der kritischen Skalierungsphase. Sein Ziel: Der Verkauf von Team-Anteilen an private Investoren, um frisches Kapital zu generieren – bei Bewertungen von bis zu 300 Millionen Dollar pro Franchise.
Ein Kernpunkt der neuen Strategie ist ein radikaler Umbau des Kaders. Die Zeiten, in denen LIV hunderte Millionen zahlte, um Altstars von der PGA Tour abzuwerben, scheinen vorbei. O’Neil skizzierte in Mexiko einen „World Cup-Style“-Ansatz:
Wie fragil das Konstrukt ist, zeigt die Personalie Bryson DeChambeau. Sein Vertrag läuft Ende 2026 aus, und er ist das unangefochtene kommerzielle Zugpferd der Tour. Während O’Neil ihn fast schon beschwörend als „Teil der Familie“ bezeichnet, gibt sich DeChambeau diplomatisch, aber bestimmt. Er forderte gegenüber Medienvertretern ein „Alignment“ – eine Übereinstimmung der Visionen –, die offensichtlich noch nicht final ausgehandelt ist.
Jon Rahm hingegen, dessen Vertrag deutlich länger läuft, gibt sich als ruhiger Pol in der Brandung. Er schob die Gerüchte nach einer starken 65er-Runde in Mexiko beiseite: „Es ergab für mich keinen Sinn, darüber nachzudenken“, so Rahm gegenüber Journalisten vor Ort.
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LIV Golf ist aktuell eine Tour der zwei Gesichter. Auf der einen Seite stehen beeindruckende Zuschauerzahlen in Australien und wachsende Sponsoring-Erlöse. Auf der anderen Seite steht ein CEO, der „wie verrückt arbeiten“ muss, um die Existenz über das Jahr 2026 hinaus zu sichern.
Die technische Panne in Mexiko, die den Livestream während O’Neils Plädoyer für Stunden dunkel werden ließ, wirkt wie eine unfreiwillige Metapher. LIV Golf hat bewiesen, dass es die Golfwelt erschüttern kann. Nun muss es beweisen, dass es auch ohne den Tropf der saudischen Milliarden atmen kann. Die nächsten Monate werden zeigen, ob O’Neils „Plan für 2027“ eine echte Vision oder nur ein verzweifeltes Krisenmanagement ist.
20 Apr 2026
LIV Golf CEO Scott O'Neil hat in einem Interview Details zur Finanzierung von LIV Golf bekanntgegeben. (Foto: Imago / Golffile)