


Es war ein Dienstagabend, der die Golfwelt erschütterte. Ryan French, einer der bestvernetzten Insider im amerikanischen Golfsport, meldete sich auf der Plattform X mit einer knappen, aber folgenschweren Nachricht: Eine „Bombe" stehe unmittelbar bevor. Wenig später konkretisierte er in einem Livestream: „Ich habe sehr gute Quellen, und ich habe gehört, dass auch andere Quellen haben — LIV Golf wird eingestellt." Er riet seinen Followern, ihre Telefone griffbereit zu halten.
Was in den folgenden 48 Stunden folgte, gleicht einem Wirtschaftskrimi in Echtzeit — mit widersprüchlichen Signalen, eilig einberufenen Krisensitzungen und einer Organisation, die öffentlich Stärke demonstriert, während hinter den Kulissen die Fundamente bröckeln.
Am Mittwoch berichtete die britische Zeitung The Telegraph, dass hochrangige LIV-Funktionäre zu einem „Notfallgipfel" nach New York gerufen worden seien. Kein einziger LIV-Verantwortlicher befand sich demnach am Turnierort in Mexiko-Stadt, wo die sechste Saisonstation der umstrittenen Golfserie ab Donnerstag stattfinden sollte. Die für Dienstag angesetzte Pressekonferenz vor dem Turnier wurde kurzfristig abgesagt — offiziell wegen „technischer Probleme".
LIV Golf widersprach dem Bericht umgehend. Gegenüber dem Portal SPORTbible erklärte ein Sprecher: „Unser Führungsteam ist in Mexiko-Stadt, und wir freuen uns auf den Start unseres Events." Eine Aussage, die in direktem Widerspruch zu den Recherchen des Telegraph steht.
Die Nachrichtenagentur Reuters bestätigte am selben Tag, dass der saudische Public Investment Fund (PIF) „kurz davor steht, seine Unterstützung für LIV Golf zu streichen". Fox-News-Moderator Bret Baier wurde noch konkreter: Die Saudis würden die laufende Saison noch finanzieren, aber „die Finanzierung wird definitiv am Ende dieser LIV-Saison enden — aufgrund einer Neuausrichtung der Prioritäten".
Die Dimension des finanziellen Engagements ist dabei kaum zu überschätzen. Nach Recherchen der Fachpublikation Golfweek hat der PIF bis Anfang 2026 insgesamt 5,3 Milliarden US-Dollar in LIV Golf investiert. Die monatliche Verlustrate lag in den Jahren 2024 und 2025 bei durchschnittlich 100 Millionen Dollar. Allein die operative Verluste im Jahr 2023 beliefen sich laut dem Finanzanalyse-Newsletter Money in Sport auf 394 Millionen Dollar. Bis zum Ende der laufenden Saison dürfte die Gesamtinvestition die Marke von sechs Milliarden Dollar überschreiten.

Was die Lage zusätzlich verschärft: Am 15. April — dem Tag des angeblichen Krisengipfels — veröffentlichte der PIF seine neue Strategie für die Jahre 2026 bis 2030. In dem Dokument, das unter Vorsitz von Kronprinz Mohammed bin Salman verabschiedet wurde, ist von „wettbewerbsfähigen inländischen Ökosystemen", der „Maximierung langfristiger Renditen" und der „wirtschaftlichen Transformation Saudi-Arabiens" die Rede. Von LIV Golf: kein Wort.
Für Beobachter ist das Schweigen beredt. Wer sechs Milliarden Dollar in ein Projekt investiert hat und es fortführen möchte, erwähnt es in seiner Fünfjahresstrategie. Wer es nicht tut, hat seine Entscheidung bereits getroffen.
LIV-Geschäftsführer Scott O'Neil versuchte am Mittwoch, die Wogen zu glätten. In einer internen E-Mail an die Mitarbeiter, die ESPN vorliegt, schrieb er: „Ich möchte absolut klar sein: Unsere Saison geht exakt wie geplant weiter, ohne Unterbrechung und mit Vollgas." Er fügte hinzu: „Das Leben einer Start-up-Bewegung wird oft durch solche Druckmomente definiert. Wir haben uns dafür angemeldet, weil wir an die Disruption des Status quo glauben."
Auffällig ist jedoch, was O'Neil nicht schrieb: eine Zusage für irgendetwas jenseits der Saison 2026. Die Start-up-Rhetorik — „Gegenwind", „Resilienz", „Anmut" — liest sich weniger wie das Vokabular eines selbstbewussten Marktführers als wie Krisenmanagement.
In Mexiko-Stadt, wo am Donnerstag tatsächlich die Startzeiten veröffentlicht wurden, zeigte sich die Verunsicherung deutlich. Golf-Channel-Reporter Rich Lerner berichtete, einige Spieler seien sich „noch nicht sicher, ob sie überhaupt auf den Platz gehen". Sergio Garcia, Kapitän des Fireballs-Teams, gab sich bei der nachgeholten Pressekonferenz am Mittwoch betont gelassen: „Wir haben nichts anderes gehört als das, was uns Yasir al-Rumayyan zu Beginn des Jahres gesagt hat — dass er hinter uns steht und dass es ein langfristiges Projekt ist."
Yasir al-Rumayyan ist der Gouverneur des PIF und damit der Mann, der über das Schicksal von LIV Golf entscheidet.
Unterdessen meldete der LIV-nahe Social-Media-Account „Flushing It", betrieben von Tom Hobbs, er habe mit mehreren LIV-Insidern gesprochen: Alle bestätigten, dass Gehälter und Preisgelder pünktlich gezahlt würden und Turnierplanungen normal weiterliefen. Dem gegenüber stehen unbestätigte Berichte von AS USA, wonach es bereits Zahlungsprobleme bei Spielern und Mitarbeitern gebe.
Dass LIV Golf an Anziehungskraft verloren hat, zeigen nicht nur die Gerüchte, sondern auch die Abgänge der jüngsten Vergangenheit. Im Januar 2026 kehrte Fünffach-Major-Sieger Brooks Koepka zur PGA Tour zurück und nutzte dafür das neu geschaffene „Returning Member Program". Kurz darauf folgte Patrick Reed. Weitere Spieler wie Kevin Na, Henrik Stenson und Mito Pereira hatten LIV bereits zuvor verlassen — teils freiwillig, teils durch Relegation.
Das Timing der Krise hätte für LIV Golf kaum ungünstiger sein können. Nur vier Tage vor dem Bekanntwerden der Finanzierungsprobleme lieferte das Masters-Turnier in Augusta ein verheerendes sportliches Zeugnis.
Rory McIlroy, der prominenteste Spieler, der dem Lockruf von LIV widerstanden hatte, verteidigte als erst vierter Golfer der Geschichte seinen Masters-Titel. Mit Runden von 67-65-73-71 und einem Gesamtergebnis von 276 (−12) setzte er sich um einen Schlag gegen Scottie Scheffler durch — in einem dramatischen Finale, das eine geblasene Sechs-Schläge-Führung, Justin Roses Zusammenbruch am Amen Corner und Schefflers historisch bogeyfreies Wochenende umfasste.
Die LIV-Spieler dagegen boten ein gemischtes bis ernüchterndes Bild: Mit Tyrrell Hatton kam nur ein LIV-Golfer unter die Top-30, Jon Rahm war nicht wettbewerbsfähig, Sergio Garcie fiel mehr durch schlechtes Benehmen als gute Golf auf und Bryson DeChambeau scheiterte krachend am Cut. Besonders bitter: Rahm, für den LIV Golf angeblich mehr als 300 Millionen Dollar bezahlt hat, eröffnete mit der schlechtesten Runde aller Spieler, die den Cut schafften. Die beiden Spieler, die LIV verlassen hatten — Koepka und Reed —, schnitten besser ab als die meisten ihrer ehemaligen Kollegen.
PGA-Tour-Chef Brian Rolapp reagierte mit diplomatischer Zurückhaltung. In einem Interview sagte er: „Ich war schon immer an allem interessiert, was die PGA Tour besser macht. Die Fans wollen die besten Spieler zusammen sehen." Zu konkreten Szenarien für eine Rückkehr von LIV-Spielern wollte er sich nicht äußern: „Sobald es Klarheit gibt, werden wir uns damit befassen. Aber so weit sind wir offensichtlich noch nicht."
Die Reaktionen der PGA-Tour-Spieler fielen unterschiedlich aus. Max Homa zeigte sich offen: „Jeder verdient einen Ort, um Golf zu spielen. Es wäre lächerlich, ihnen das zu verwehren." Wyndham Clark war strenger: „Wer noch Status hat, kann spielen. Wer nicht, sollte sich seinen Weg zurückverdienen müssen. Es wird interessant zu sehen, was sie tun — denn viele Jungs hatten die Chance zu gehen und haben es nicht getan."
Sollte sich der Rückzug des PIF bestätigen, stehen der Golfwelt turbulente Monate bevor. Die drängendsten Fragen:
Die Verträge: 58 Spieler stehen bei LIV unter Vertrag, viele davon mit garantierten Summen in dreistelliger Millionenhöhe. Was geschieht mit diesen Verpflichtungen, wenn der Geldgeber aussteigt? Sind Ausstiegsklauseln vorgesehen? Die juristische Aufarbeitung könnte Jahre dauern.
Die Rückkehr: Das „Returning Member Program" der PGA Tour existiert, aber seine genauen Bedingungen sind nicht öffentlich bekannt. Koepka und Reed haben es genutzt — aber könnte es 50 Spieler gleichzeitig aufnehmen?
Die DP World Tour: Gerüchte über eine Fusion von LIV mit der europäischen DP World Tour wurden diese Woche dementiert. Dennoch könnte die Tour eine Auffangstation für Spieler werden, die keinen sofortigen Zugang zur PGA Tour erhalten.
Das Motiv: Ist der Rückzug endgültig — oder Verhandlungstaktik? Manche Beobachter halten es für möglich, dass der PIF die Drohkulisse nutzt, um bessere Bedingungen für eine Fusion mit der PGA Tour zu erzwingen. Doch die Kombination aus Strategiepapier, Fox-News-Bericht und Reuters-Bestätigung deutet eher auf eine getroffene Entscheidung hin.
LIV Golf wurde 2021 mit dem Anspruch gegründet, den Profigolfsport zu revolutionieren. Garantierte Millionengehälter, keine Cuts, ein Teamformat, Shotgun-Starts — alles sollte anders, aufregender, moderner sein. Vier Jahre und mehr als fünf Milliarden Dollar später muss man feststellen: Die Revolution hat stattgefunden, aber sie hat vor allem eines produziert — die teuerste Erkenntnis in der Geschichte des Sports, dass sich Tradition, sportliche Glaubwürdigkeit und organisch gewachsene Strukturen nicht einfach mit Geld ersetzen lassen.
Die ultimative Ironie: LIV Golf steht ausgerechnet in dem Moment vor dem Aus, in dem es seiner Legitimität am nächsten kam. Die Umstellung auf 72-Loch-Turniere, die erstmalige Vergabe von Weltranglistenpunkten — all das sollte der Wendepunkt sein. Stattdessen könnten es die letzten Zugeständnisse gewesen sein, bevor in Riad jemand die Rechnung betrachtete und zu dem Schluss kam: Sechs Milliarden Dollar sind genug.
In Mexiko-Stadt schlagen die Spieler heute trotzdem ab. Die Show geht weiter — vorerst.
16 Apr 2026
Diversen Medienberichten zufolge steht LIV Golf vor dem Aus. (Foto: Imago / Icon Sportsire)