


Als Scott O'Neil am Dienstag im amerikanischen Wirtschaftssender CNBC Platz nahm, war die Erwartung klar: Der CEO von LIV Golf sollte Vertrauen ausstrahlen. Was er stattdessen lieferte, war ein Satz, der seither durch die Golfwelt hallt.
Auf die direkte Frage, ob er garantieren könne, dass die vier verbleibenden Turniere der Saison 2026 tatsächlich stattfinden werden, antwortete O'Neil: „Was ich garantieren kann, ist eine verdammt gute Rendite, wenn Sie in dieses Unternehmen investieren." (CNBC, 9. Juni 2026)
Eine Garantie ist das nicht. Und genau das sagt alles.
LIV Golf steckt in der schwersten Krise seit seiner Gründung im Juni 2022. Der saudi-arabische Staatsfonds Public Investment Fund (PIF), der die Tour von Beginn an mit geschätzten über sechs Milliarden US-Dollar finanziert und monatlich rund 100 Millionen Dollar zugeschossen hat, kündigte im April 2026 an, die Zahlungen nach Saisonende einzustellen. Kurz darauf trat Mitgründer und PIF-Vertreter Yasir Al-Rumayyan am 29. April als Chairman zurück. Bereits am Folgetag wurde der Vorstand neu aufgestellt – und die Suche nach externen Langzeitinvestoren offiziell eingeläutet.
Doch die Lage könnte noch bedrohlicher sein, als ohnehin befürchtet. Das US-Sportmedium Front Office Sports berichtete am vergangenen Wochenende, dass die PIF-Finanzierung möglicherweise schon vor dem letzten Saisonturnier versiegen könnte. Ein namentlich nicht genannter hochrangiger Vertreter eines Tour-Partners wird dabei mit erschreckend klaren Worten zitiert: „Jedes verbleibende Turnier steht auf der Kippe." (Front Office Sports, 7. Juni 2026)
Der Grund liegt in der Zahlungsstruktur des PIF: Der Fonds schüttet seine Mittel auf monatlicher Basis aus. Das bedeutet, jedes einzelne der noch ausstehenden Turniere hängt de facto von einer Finanzierungsentscheidung ab, die kurzfristig revidiert werden kann.
Der aktuelle LIV-Spielplan sieht vier weitere Events vor:
Die schlechte Nachricht: Bereits jetzt klafft eine 47-tägige Lücke im Kalender. Ein für Juni in New Orleans geplantes Turnier wurde kurzfristig verschoben – offiziell mit der sommerlichen Hitze begründet, ein neuer Termin wurde nicht genannt. Pikant dabei: Der US-Bundesstaat Louisiana hatte für die Austragung des Events bereits 3,2 von insgesamt 7 Millionen Dollar Fördergeldern ausgezahlt.
Laut Front Office Sports ist das Turnier in Bedminster am ehesten gesichert – die engen Verbindungen von US-Präsident Donald Trump zu Saudi-Arabien gelten hier als stabilisierender Faktor. Als am stärksten gefährdet gilt dagegen die Team-Meisterschaft Ende August in Plymouth, Michigan.
O'Neil ließ keinen Zweifel daran, dass er LIV Golf für eine lukrative Investitionsgelegenheit hält. Auf CNBC zeichnete er ein Bild von großem Potenzial: Star-Spieler wie Bryson DeChambeau, Jon Rahm, Dustin Johnson und Cameron Young, wachsende Einnahmen – um 100 Millionen Dollar über dem Vorjahr – und eine Sportbranche, die seit Jahrzehnten an Wert gewinne. Als Vergleiche nannte er die Formel 1, MotoGP sowie geplante NBA-Expansionsfranchises in Seattle und Las Vegas.
„Ich glaube, wir haben eine sehr, sehr besondere Gelegenheit, enormen Wert zu schaffen", sagte O'Neil bei CNBC. Und weiter: „Es gibt viel disponibles Kapital, das an die Tür klopft und Eigentumsanteile an Ligen und Teams erwerben möchte."
Konkret sucht LIV Golf zwischen 250 und 350 Millionen US-Dollar von externen Geldgebern – nur um den Betrieb bis ins Jahr 2027 zu sichern. O'Neil gab an, bereits fünf formelle Gespräche mit Interessenten geführt zu haben, mit 18 weiteren allein in der Woche des 9. Juni. Dabei ist offen, ob ein einzelner großer Investor – etwa ein Private-Equity-Fonds – einsteigt oder ob das Kapital auf zehn bis zwölf kleinere Anteilseigner aufgeteilt wird.
Für die Begleitung des Prozesses hat LIV namhafte Partner engagiert: die Unternehmensberatung AlixPartners, die Anwaltskanzlei Gibson Dunn & Crutcher sowie die Investmentbank Ducera Partners. Zwei neue unabhängige Board-Mitglieder – Gene Davis und Jon Zinman – sollen zusätzlich Vertrauen schaffen.
Doch O'Neil räumt selbst ein, dass die Zeit drängt: „Was wir nicht haben, ist viel Zeit. Wir sind also sehr dringend im Gespräch mit jenen, die Interesse haben. Wir mögen das Feld, aber wir müssen das bis zum Sommer schaffen."
Für die LIV-Profis ist die Situation eine doppelte Belastung: Sie sollen auf dem Platz Leistung bringen – und werden gleichzeitig mit Fragen über die Zukunft ihrer Tour konfrontiert.
Bryson DeChambeau soll bereits an internen Meetings teilgenommen und seine Bereitschaft signalisiert haben, bei der Investorensuche zu helfen. Jon Rahm hingegen gibt unumwunden zu, dass ihm dafür die Mittel fehlen: „Ich verstehe nichts von Wirtschaft. Ich werde nie behaupten, etwas davon zu verstehen. Mein Job ist es, Golf zu spielen – und das ist schon schwer genug."
Bereits in der Vergangenheit zu LIV gewechselte Spieler stecken zudem in einem rechtlichen Dilemma: Weder die PGA Tour noch LIV haben sich bislang zu einer möglichen Rückkehr geäußert – die Verträge laufen noch. Als begehrtester potenzieller Rückkehrer gilt Jon Rahm. Dass Brooks Koepka die Tour bereits verlassen hat und zur PGA Tour zurückgekehrt ist, dürfte das Vertrauen in LIV nicht gerade stärken.
O'Neil spricht offen von einem grundlegenden Neustart: „LIV 2.0" soll ein finanziell diszipliniertes Modell werden, in dem Kosten drastisch gesenkt und Spieler als echte Equity-Partner eingebunden werden. Profitabilität, so seine Prognose, sei in drei Jahren erreichbar – wohlgemerkt, wenn die Finanzierung gesichert wird.
Das steht in krassem Kontrast zur bisherigen Realität: Mehr als sechs Milliarden Dollar investiert, kein nachhaltiger Gewinn erzielt. Saudi-Arabien hat im April 2026 zudem eine neue Fünfjahres-Strategie für Inlandsinvestitionen vorgestellt – LIV Golf ist darin nicht vorgesehen.
O'Neil selbst hatte früher eingeräumt, dass Profitabilität im aktuellen Modell möglicherweise ein Jahrzehnt entfernt sei. Der Optimismus, den er nach außen projiziert, steht auf einem brüchigen Fundament.
LIV Golf hat 46 Tage Zeit – zwischen dem Turnier in Spanien und dem nächsten Event in England – um seine Zukunft zu sichern. In dieser Pause entscheidet sich, ob die verbleibenden Turniere der Saison stattfinden, ob Investoren einsteigen und ob das Projekt einer alternativen Golftour überhaupt über 2026 hinaus existiert.
Scott O'Neil gibt sich kämpferisch und zuversichtlich. Doch die Frage, ob die vier verbleibenden LIV-Turniere 2026 gespielt werden, bleibt unbeantwortet – und das aus dem Mund des CEOs selbst.
Das sagt wahrscheinlich schon genug.
10 Jun 2026
Scott O'Neil, CEO von LIV Golf, kann nicht garantieren, dass die verbleibenden Turniere der Saison 026 stattfinden werden. (Foto: Imago / Newscom World)