


Es gibt keinen anderen Tag im Golfkalender, der so viel Emotion auf einmal produziert wie der „Golf's Longest Day" – der finale Qualifikationstag für die U.S. Open. Am 8. Juni 2026 machten sich mehr als 700 Spieler an zehn Standorten in den USA und Kanada auf den Weg, um sich eines der letzten 43 Tickets für die 126. U.S. Open zu sichern, die vom 18. bis 21. Juni im Shinnecock Hills Golf Club in Southampton, New York, ausgetragen wird. Das Format ist so einfach wie es gnadenlos ist: 36 Loch, ein Tag, kein Pardon. Etablierte PGA-Tour-Profis, aufstrebende College-Spieler, erfahrene Veteranen und Teenager mit großen Träumen – sie alle stehen auf derselben Abschlaglinie. Am Abend wurde gejubelt und geweint, wurden Flüge storniert und neue Reisepläne geschmiedet. Dies sind die Geschichten dieses außergewöhnlichen Tages.
Die Geschichte des Tages schrieb Miles Russell. Der 17-jährige Amerikaner, amtierender AJGA Player of the Year und Weltranglistenzehnter der Amateure, qualifizierte sich beim BallenIsles Country Club in Palm Beach Gardens, Florida, für seinen ersten Major-Start überhaupt – und er tat es mit einem besonderen Mann auf dem Bag: Charlie Woods, Sohn von Golflegende Tiger Woods.
Die beiden Teenager kennen sich aus der gemeinsamen Zeit auf dem Junior-Circuit, teilen denselben Agenten und werden ab 2027 gemeinsam für die Florida State University abschlagen. Dass Charlie seinem Freund die Schläger trug, war das erste Mal überhaupt, dass Russell mit einem Buddy statt eines professionellen Caddies unterwegs war – und es funktionierte.
Dabei war der Weg nach Shinnecock Hills alles andere als glatt. Russell kämpfte sich über 36 Loch durch Triple-Bogey und Double-Bogey, hielt mit einer 67 in der zweiten Runde die Nerven und erreichte mit 6 unter Par ein Dreier-Playoff um die letzten zwei verbleibenden Spots. Auf dem zweiten Playoff-Loch versenkte er den entscheidenden Birdie-Putt.
„Ich glaube, es ist noch gar nicht richtig angekommen. Ich bin ziemlich sprachlos", sagte Russell nach seiner Qualifikation gegenüber dem Golf Channel. „Es ist etwas, von dem man träumt und wofür man trainiert. Und es ist einfach wirklich cool." Die Zusammenarbeit mit seinem Freund auf dem Bag beschrieb Russell als entspannend und befreiend: „Es hat alles so leicht gemacht. Es ist das erste Mal, dass ich einen Kumpel auf dem Bag hatte. Ich mag es wirklich. Nicht viel über Golf reden, einfach eine gute Zeit haben."
Mit seiner Qualifikation wird Russell zum viertjüngsten Teilnehmer in der Geschichte der U.S. Open. Er war nicht der einzige Teenager, der an diesem Montag von sich reden machte: Giuseppe Puebla, AJGA-Weltranglistenzweiter der Junioren, qualifizierte sich ebenfalls über den Florida-Qualifier, und Jackson Ormond, 18 Jahre alt, sicherte sich über den Qualifier in North Carolina seinen Platz – mit einer beeindruckenden 63 in der zweiten Runde, in der er fünf seiner letzten sieben Löcher mit Birdie spielte.
Ob Charlie Woods seinen Freund auch in Shinnecock Hills begleiten wird, ließ Russell offen: „Wir werden sehen, was er so macht. Das ist noch nicht entschieden."
Während Russell seinen Jubel kaum fassen konnte, erlebte Adam Svensson wenige Stunden zuvor einen der schmerzhaftesten Momente seiner Karriere – verursacht durch einen einzigen, folgenschweren Moment der Unaufmerksamkeit.
Beim Qualifier im Lambton Golf & Country Club in Toronto hatten sich Emiliano Grillo (9 unter), Alejandro Tosti (8 unter) und Marcelo Rozo (7 unter) die ersten drei Spots bereits direkt gesichert. Acht Spieler gingen in ein Sudden-Death-Playoff um drei weitere U.S.-Open-Plätze sowie zwei Alternate-Positionen. William Mouw und John Parry nutzten die ersten beiden Playoff-Löcher mit Birdies. Auf dem dritten Playoff-Loch kämpften schließlich Svensson, Matt Wallace und Max McGreevy um den letzten offiziellen Startplatz sowie die Alternate-Ränge.
McGreevy lochte zum Birdie und sicherte sich damit den begehrten sechsten und letzten Startplatz. In diesem Moment beging Svensson seinen verhängnisvollen Fehler: In der Annahme, das Playoff sei damit beendet, nahm er seinen Ball-Marker vom Grün auf. Doch das Playoff war nicht vorbei. Wallace hatte mit Par eingelocht – und Svensson hätte noch putten müssen, um zumindest den ersten Alternate-Platz zu sichern. Durch das Aufnehmen des Markers gab er das Loch automatisch auf. Ein Regeloffizieller betrat das Grün und überbrachte die Nachricht, kurz bevor die drei Spieler sich die Hand gaben.
„Das ist eine große Sache, wirklich eine große Sache. Es ist gut möglich, dass Matt Wallace spielen wird", kommentierte Golf-Channel-Analyst Brendon de Jonge. „Oft sehen wir, dass der erste Alternate ins Feld kommt. Das war ein großer Fehler von Adam Svensson – und leider passieren solche Dinge am Ende eines langen Tages."
Svensson ist damit nur noch zweiter Alternate – eine Position, die historisch selten zu einem Turnierstart führt. Wallace hingegen darf als erster Alternate auf eine Nachrückchance hoffen.
Der Tag machte deutlich, dass das Qualifying-Format keine Rücksicht auf Reputation nimmt. Max Homa, ehemaliger Weltranglistenfünfter und Gewinner von sechs PGA-Tour-Titeln, scheiterte ebenfalls im Toronto-Playoff – auf dem allerersten Loch. Ein 12-Fuß-Putt, der ihn in die nächste Runde gebracht hätte, lippte grausam aus. Für Homa war es bereits das zweite Mal in Folge, dass er im U.S.-Open-Qualifying-Playoff scheiterte. Dabei hatte er in diesem Jahr durchaus Lebenszeichen gezeigt: Ein Top-10-Ergebnis beim Masters hatte ihm die Rückkehr nach Augusta für 2026 gesichert. Die U.S. Open in Shinnecock Hills wird er jedoch von zu Hause aus verfolgen.
Ähnlich ernüchternd verlief der Tag für Tony Finau. Der vormalige Mehrfach-Sieger auf der PGA Tour verpasste die Qualifikation beim Springfield Country Club in Ohio um zwei Schläge. Für Finau bedeutet das die erste U.S.-Open-Abwesenheit seit 2017 – zumal er in diesem Jahr auch beim Masters und der PGA Championship nicht am Start war. Seine Reaktion nach dem Turnier war kämpferisch: „Ich kann nicht 0 von 4 bleiben. Ich fahre jetzt nach Kanada. Spielen, um zu gewinnen", sagte er gegenüber Medienvertretern – mit Blick auf den RBC Canadian Open, wo ein Sieg ihm die Qualifikation für The Open Championship in Royal Birkdale sichern würde.
Mit ihnen scheiterten weitere klangvolle Namen: Jason Dufner (PGA Champion 2013), Webb Simpson (U.S.-Open-Sieger 2012) und Lucas Glover (U.S.-Open-Sieger 2009) verpassten allesamt die Qualifikation. Der Tag zeigte einmal mehr, warum die U.S. Open als demokratischstes Major im Golf gilt.
Erfahren Sie hier alles über Termine und Preisgelder der vier Golf-Majors der Herren.
Zu den unglücklichsten Figuren des Tages gehörte der Münchner PGA-Tour-Profi Stephan Jäger. Beim Qualifier im Hawks Ridge Golf Club in Ball Ground, Georgia, brach ihm auf dem zehnten Loch der ersten Runde beim Abschlag der Driver – ein Missgeschick, das er erst auf der nächsten Spielbahn bemerkte. Auf Nachfrage bei den Regeloffiziellen lautete die Entscheidung: Da kein sichtbarer Schaden vorlag, durfte der Schlägerkopf erst nach Abschluss der ersten Runde ausgetauscht werden. Jäger spielte die verbleibenden Löcher mit einem beschädigten Schläger und verpasste den Cut am Ende um drei Schläge. Für ihn bleibt der RBC Canadian Open als letzte Chance auf eine Qualifikation.
Verfolgen Sie hier das Leaderboard der Canadian Open der PGA Tour, die letzte Chance auf eine Qualifikation für die US Open 2026.
Abseits der großen Namen schrieben zahlreiche weitere Spieler ihre eigenen Geschichten.
Ben Kohles hatte am Sonntag die BMW Charity Pro-Am auf der Korn Ferry Tour in South Carolina gewonnen, war danach sofort ins Auto gestiegen, hatte seinen Flug nach Washington D.C. knapp erwischt und stand am Montagmorgen um 8:32 Uhr auf dem Abschlag im Woodmont Country Club in Maryland. Am Abend hielt er seine Qualifikationsurkunde für erst seinen zweiten U.S.-Open-Start in 15 Profi-Jahren in den Händen. „Ich glaube, mein Kopf dreht sich noch. Es war mit Abstand die verrückteste 24-Stunden-Periode in meinem Golferleben", sagte Kohles.
Eine Woche zuvor hatte Logan Reilly die NCAA-Meisterschaft für die Auburn Tigers mit einem Birdie-Putt auf Loch 18 gewonnen. Am Montagabend qualifizierte er sich im selben Woodmont Country Club für seinen ersten Major-Start. „Es ist definitiv die beste Woche meines Lebens", sagte der Amateur. Besonders: Reileys Familie hat Wurzeln auf Long Island – er besuchte die U.S. Open in Shinnecock Hills 2018 noch als Fan. Jetzt wird er selbst abschlagen.
Chase Kyes, Freshman an der University of Tennessee, sicherte sich seinen Startplatz in Georgia mit einem 12-Fuß-Birdie-Putt auf dem letzten Loch – kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Auf die Frage, worauf er sich in Shinnecock Hills am meisten freue, antwortete der 20-Jährige verblüffend ehrlich: „Ich wusste gar nicht, dass es nächste Woche ist." Vaughn Harber, Sophomore an der Ohio State University, spielte die letzten fünf Löcher seines Qualifiers in 5 unter Par – inklusive Eagle – und kämpfte sich damit von außerhalb der Qualifikationsränge noch ins Playoff und schließlich ins Feld.
Eine historische Note lieferte Arni Sveinsson: Der LSU-Spieler aus Island ist der erste Isländer in der Geschichte der U.S. Open.
Der Abend des 8. Juni brachte nicht für alle Beteiligten eine endgültige Entscheidung. Im Emerald Golf Club in Creswell, Oregon, musste das Playoff zwischen Andrew Putnam und Spencer Tibbitts nach sechs gespielten Löchern aufgrund der einsetzenden Dunkelheit auf den nächsten Morgen vertagt werden.
Zudem können sich bis zum 15. Juni weitere Spieler über die Top-60-Weltrangliste qualifizieren. Auch beim RBC Canadian Open besteht noch die Möglichkeit, durch einen Turniersieg ins Feld zu rücken.
Die 126. U.S. Open beginnt am 18. Juni 2026 im Shinnecock Hills Golf Club. Mit dabei sein werden neben den qualifizierten Nachwuchstalenten und Veteranen auch die gesetzten Stars des Weltgolfs – von Weltranglistenführer Scottie Scheffler über Rory McIlroy bis zu Jon Rahm. Den „Golf's Longest Day" haben sie nicht gebraucht. Die Geschichten des 8. Juni 2026 werden sie trotzdem nicht toppen können.
10 Jun 2026
Charly Woods gab für seinen Kumpel Miles Russell bei der US-Open-Qualifikation den Caddie. (Foto: Imago / Zuma Press Wire)