


Shinnecock Hills hat einen Ruf, der vorauseilt. Vier Mal hat der Kurs auf Long Island, New York, bereits eine US Open ausgetragen – und nur drei der 624 teilnehmenden Spieler schafften es in dieser Zeit, unter Par zu bleiben. Es ist eine Statistik, die mehr sagt als jede Kursbeschreibung. Umso größer war das Interesse, als die beiden weltbesten Golfer – Weltranglistenerster Scottie Scheffler und der aktuelle Masters-Champion Rory McIlroy – in den Tagen vor dem Memorial Tournament in Ohio einen Abstecher nach Southampton, New York, unternahmen, um sich ein eigenes Bild zu machen.
Was beide Spieler dort antrafen, überraschte sie auf eine Art, die für einen US-Open-Platz wenig charakteristisch ist: großzügige Fairways.
Für McIlroy war es eine Rückkehr an einen Ort, der keine guten Erinnerungen weckt. Bei der letzten US Open in Shinnecock 2018 verpasste er den Cut mit Runden von 80 und 70. Dennoch zeigte er sich bei einer Pressekonferenz vor dem Memorial Tournament positiv überrascht: „Die Fairways sind sehr großzügig. Sie sind großzügiger als 2018. [...] Die Fairways sind wirklich, wirklich großzügig. Wer also die Fairway verfehlt, dem gönne ich die schlechte Lage."
Scheffler, der Shinnecock zum ersten Mal in seinem Leben betrat, teilte diesen Eindruck. Bei derselben Pressekonferenz sagte er: „Ich war etwas überrascht von der Breite der Fairways, aber die Green-Komplexe dort sind extrem schwierig, und ich denke, das ist die eigentliche Herausforderung."
Die Überraschung der beiden ist nachvollziehbar: Laut John Bodenhamer, dem zuständigen Platzverantwortlichen der USGA, werden die Fairways in Shinnecock bei dieser US Open durchschnittlich 48 Yards breit spielen – die weitesten Fairways bei einem US-Open in den vergangenen 50 bis 75 Jahren. Bodenhamer und USGA-CEO Mike Whan verfolgen damit einen bewussten Kurswechsel: Es geht nicht darum, Even Par als Gewinnresultat anzupeilen, sondern den fairsten und härtesten Test des Golfsports zu bieten.
Wer aus den breiten Fairways auf leichte Bedingungen schließt, liegt jedoch falsch. Denn unmittelbar jenseits der großzügigen Spielbahnen wartet eine harte Strafe.
McIlroy beschrieb die Situation bei der Pressekonferenz präzise: Der erste Rough-Bereich sei lediglich rund drei Schritte breit und fünf Zoll – also etwa 12,7 Zentimeter – lang, ehe man in das schwere Fescue-Gras gerate. Wer die Fairways auch nur knapp verfehle, habe kaum noch Möglichkeiten.
Scheffler sieht darin eine bewusste und stimmige Designentscheidung: „Das Rough war meiner Meinung nach auch eine gute Strafe für die Breite. Sobald man dort die Fairways verfehlt, hat man keine Chance mehr. Aber die Fairways sind großzügig genug, um Spielraum zu bieten – und genau deshalb sind die Green-Komplexe so außerordentlich schwierig."
Die Botschaft ist klar: Wer trifft, hat eine Chance. Wer verfehlt, hat keine.
Das eigentliche Thema, das beide Spieler beschäftigt, sind jedoch die Greens. Shinnecock ist für seine tückischen Putting-Oberflächen berüchtigt – und das aus gutem Grund.
McIlroy, der am Montag eine komplette Runde absolvierte, maß die aktuellen Stimpwerte bei rund 11 bis 11,2. Zum Vergleich: Ab 12 gilt ein Grün als schnell; bei der US Open 2025 in Oakmont lagen die Werte zwischen 13 und 14. Für McIlroy ist die Botschaft an die USGA eindeutig: „Ich glaube wirklich nicht, dass sie viel schneller werden müssen. Es geht darum, die Green-Geschwindigkeiten wirklich dort zu halten, wo sie sind, und nicht außer Kontrolle geraten zu lassen – dann wird es eine großartige Woche."
Hintergrund seiner Warnung ist die jüngste Geschichte des Kurses. Bei der US Open 2004 wurde das Par-3-Loch 7 im letzten Runde zu einem Schauplatz des Kontrollverlusts: Die Greens waren so ausgehärtet, dass Spieler den Ball nicht auf der Putting-Fläche halten konnten und die USGA gezwungen war, das Grün zwischen den Gruppen zu wässern. 2018 eskalierte die Situation noch weiter, als Phil Mickelson auf dem 13. Grün seinen noch rollenden Ball mit dem Putter zurückschlug, um zu verhindern, dass er vom Vorgrün verschwand – eine Szene, die ihm eine Zwei-Schlag-Strafe und einen dauerhaften Platz in der Geschichte des Turniers einbrachte. Gewinner Brooks Koepka benötigte damals +1 über 72 Löcher, um den Titel zu sichern.
Bodenhamer bringt das besondere Wesen des Kurses auf den Punkt: „An diesem Ort treiben einfach Golfdämonen ihr Unwesen. Sie steigen aus diesen Putting-Greens herauf – teuflisch, wunderbar, charmant."
Scheffler ergänzt die strategische Dimension: Aus der richtigen Fairwayseite habe man zwar eine Chance, das Grün zu halten – aber oft nur auf einer Fläche von der Größe eines Hula-Hoops. „Sie können die Fahnen setzen, wo sie wollen, und die Scores so hoch machen, wie sie es sich nur vorstellen können."
Das Scouting-Interesse der beiden Weltklassespieler ist auch durch persönliche Ambitionen motiviert. Scheffler steht bei einem Career Grand Slam. Der Weltranglistenerste hat das Masters, die PGA Championship und die Open Championship bereits gewonnen – die US Open ist der fehlende Titel, der ihn in eine exklusive Gruppe von bislang nur sechs Spielern katapultieren würde. Für ihn war das Scouting gleichzeitig die allererste Begegnung mit dem Kurs überhaupt.
McIlroy hingegen kennt Shinnecock – wenngleich seine Erinnerungen gemischt sind. Der Nordire, der seit seinem Masters-Sieg im April den Career Grand Slam bereits in der Tasche hat, strebt nach weiteren Major-Erfolgen in der späteren Phase seiner Karriere. Er spielt in dieser Saison bewusst selektiv und hat seit April nur wenige Turniere absolviert. „Ich wähle mir meine Turniere aus", sagte er bei der Pressekonferenz. „Es bringt Ausgewogenheit in mein Leben und lässt mich Dinge außerhalb des Golfs genießen."
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Ein entscheidender Faktor könnte am Ende das Wetter sein. Die Prognose für Southampton zeigt bis zum Turnierstart fast durchgehend Sonnenschein, Temperaturen im niedrigen bis mittleren zweistelligen Bereich und nur einen einzigen Regentag. Sollte es dabei bleiben, dürften die Grüns – trotz der aktuell noch gemäßigten Stimpwerte – weiter aushärten und schneller werden.
Genau das bereitet McIlroy Sorgen. Doch wenn die USGA die Bedingungen im Griff behalte, ist er überzeugt: „Wenn es richtig aufgestellt ist, glaube ich, dass es einer der besten Championshiptests des Landes ist. Es ist ein unglaublicher Golfplatz."
Die 126. US Open in Shinnecock Hills beginnt in zwei Wochen. Der Scouting-Report der weltbesten Spieler lautet: Die Fairways sind fair. Das Rough ist brutal. Und die Grüns könnten wieder einmal über Sieg und Niederlage – oder über Beherrschung und Chaos – entscheiden.
04 Jun 2026
Scottie Scheffler war zur Vorbereitung auf die US Open 2026 bereits für eine Proberunde im Shinneock Hills GC. (Foto: Imago / Zuma Press)