


Vier Majors. Vier Geschichten. Und die letzte – die schönste – gehört Europa. Während Augusta, Shinnecock Hills und Valhalla die Saison eröffneten, wartet nun der Höhepunkt: die 154. Open Championship kehrt nach Royal Birkdale zurück. Ins Dünenland an der englischen Westküste, wo der Wind keine Fehler verzeiht, wo die Claret Jug zu Hause ist und wo Golf seit 1860 in seiner reinsten Form gespielt wird.
Titelverteidiger Scottie Scheffler reist als Weltranglistenerster an die Küste von Southport – und trägt das Gewicht der Geschichte im Gepäck. Denn seit Pádraig Harrington 2007 und 2008 hat es kein Spieler geschafft, die British Open zu verteidigen. 18 Jahre ist das her. Kann der Amerikaner die Serie brechen? Oder findet ein anderer seinen Namen auf der Claret Jug?
Hier finden Sie das Open Championship 2026 Live-Leaderboard und die Tee Times.
Es gibt Golfplätze, die man einmal gesehen hat und nie vergisst. Royal Birkdale ist einer davon. Die riesigen Sanddünen, die sich wie natürliche Tribünen entlang der Fairways erheben, geben dem Platz seine unverwechselbare Silhouette. Im Gegensatz zu vielen anderen Linkskursen verlaufen die Löcher in Birkdale nicht über die Dünen, sondern durch die Täler zwischen ihnen – ein Umstand, der Zuschauern eine außergewöhnliche Sicht auf das Geschehen ermöglicht und dem Platz jene Amphitheater-Atmosphäre verleiht, für die er weltberühmt ist.
2026 ist es das elfte Mal, dass die Open Championship in Royal Birkdale ausgetragen wird – häufiger als an jedem anderen Platz außer St. Andrews. Seit der Eröffnung des Clubs im Jahr 1889 hat sich der Kurs an der Merseyside-Küste als einer der anspruchsvollsten und charaktervollsten Schauplätze im Rota-System der R&A etabliert.
Für die 154. Ausgabe präsentiert sich Royal Birkdale in neuer Gestalt: Die Löcher 14 und 15 wurden komplett neu konzipiert. Das bisherige Par-3-Loch 14 existiert nicht mehr; an seiner Stelle entstand ein überarbeitetes Loch 14 auf Basis des ehemaligen Par-5-Lochs 15, verlängert mit einem neu angelegten Grün. Loch 15 ist nun ein vollständig neues Par-3, das zurück Richtung Clubhaus führt – so dass jedes Par-3 des Platzes nun in eine andere Himmelsrichtung spielt. Mit insgesamt 7.223 Yards ist Royal Birkdale in diesem Jahr nicht nur 67 Yards länger als beim letzten Open 2017, sondern auch der längste Par-70-Kurs in der Geschichte der Open Championship.
Das schwierigste Loch des Platzes war bei jeder einzelnen Open in Birkdale dasselbe: Loch 6. Der 514 Yards lange Par-4 – in diesem Jahr zugleich der längste Par-4 in der Open-Geschichte überhaupt – erfordert einen perfekten Abschlag durch zwei Pot-Bunker am Dogleg, gefolgt von einem langen Annäherungsschlag auf ein erhöhtes Grün, das von Dünen umrahmt wird. Wer hier Birdie macht, hat einen kleinen Sieg errungen. Wer Bogey macht, ist in guter Gesellschaft.
Zur Wetterprognose für die Turnierwoche: Die ersten Tage versprechen sonniges, windiges Wetter mit Temperaturen bis zu 28 Grad Celsius und Ostwind. Zur zweiten Turnierhälfte dreht der Wind auf Nord, die Temperaturen sinken leicht, und es besteht eine geringe Wahrscheinlichkeit vereinzelter Schauer. Kurz: Es ist Birkdale. Alles ist möglich.
Erfahren Sie hier alles zu den vier Golf-Majors der Herren.
Scottie Scheffler hat in den vergangenen Jahren demonstriert, dass er der beste Golfer der Welt ist – nicht als Schlagzeile, sondern als Tatsache. Mit seinem Sieg bei der 153. British Open in Royal Portrush 2025 holte er sich den dritten Teil des Career Grand Slams und seinen vierten Major-Titel insgesamt. Nur die US Open fehlt ihm noch zum vollständigen Satz.
Nun steht er vor einer anderen historischen Herausforderung. Der letzte Spieler, dem es gelang, die Open Championship zu verteidigen, war Pádraig Harrington – ein Ire, der 2007 in Carnoustie und 2008 ausgerechnet hier in Royal Birkdale triumphierte. Seitdem ist die Claret Jug bei jedem Turnier in neue Hände gewandert.
In seinen bisher sechs Starts bei der British Open hat Scheffler nie schlechter als geteilter 23. Platz abgeschnitten. Elf seiner 20 Open-Runden lagen unter Par – Zahlen, die für sich sprechen. Doch der Linksgolf bleibt eine eigene Disziplin, ein eigenes Spiel. Und das Feld, das ihn in Birkdale erwartet, ist stark wie selten.
156 Spieler aus 28 Nationen werden am Donnerstag auf dem ersten Abschlag von Royal Birkdale stehen. Unter ihnen: 15 ehemalige Open-Champions, 41 Spieler, die ihr Debüt bei der British Open geben, 10 Amateure und 12 LIV-Golfer. Ein Feld, das die gesamte Breite des Weltsports abbildet.
Besondere Aufmerksamkeit gilt naturgemäß den Heimfavoriten. Allen voran Tommy Fleetwood, der in Southport aufgewachsen ist – buchstäblich einen Steinwurf vom ersten Abschlag entfernt. Die Erwartungen der britischen Fans werden mit jedem seiner Schritte über die Dünen wachsen. Und er bringt die Form mit: Fünf Top-20-Platzierungen in seinen letzten sechs PGA-Tour-Starts sprechen für einen Spieler in Hochform.
Auch Rory McIlroy, der letzte britische Inselsieger (Hoylake 2014), und Justin Rose, der bei seiner ersten Open 1998 in Birkdale als Amateur Vierter wurde und seitdem zweimal Zweiter war, zählen zu den Hoffnungsträgern. Robert MacIntyre, der Schotte, der 2025 in Portrush knapp scheiterte, vervollständigt das europäische Aufgebot der Titelanwärter.
Wer bei der Open Championship starten will, muss sich das Recht dazu verdienen. Das Qualifikationssystem der R&A gilt als eines der durchdachtesten im Golfsport und bietet Zugänge auf mehreren Wegen: ehemalige Champions sind bis zum 60. Lebensjahr befreit (bzw. bis 55, wenn der Sieg nach 2024 erfolgte), hinzu kommen Exemptionen über Weltranglistenpositionen sowie die Saisonwertungen der PGA Tour und der DP World Tour.
Über die Open Qualifying Series – Turniere auf vier Kontinenten, von Japan über Südafrika bis Kanada – können sich Spieler weltweit direkt qualifizieren. Regional und Final Qualifying in Großbritannien öffnen zusätzlich die Tür für Profis und Amateure, die sich in den Wochen vor dem Turnier noch einen Startplatz erspielen.
Neu in diesem Jahr ist eine Premiere: Der Last-Chance Qualifier, den die R&A erstmals in der Geschichte der Open Championship eingeführt hat. Am Montag, dem 13. Juli – nur drei Tage vor dem ersten Turnierschlag – treten 12 Spieler über 18 Loch direkt auf dem Kurs von Royal Birkdale gegeneinander an. Der Sieger erhält den 156. und letzten Startplatz im Feld. R&A-CEO Mark Darbon kommentierte das neue Format so: „Wir denken, der Last-Chance Qualifier wird echte Dramatik und Spannung zu Beginn der Woche erzeugen."
Die Open Championship ist kein gewöhnliches Turnier. Sie ist das älteste Major der Welt, seit 1860 ununterbrochen ausgetragen – mit einer Pause während der beiden Weltkriege und 2020 durch die COVID-Pandemie. Wer die Claret Jug hebt, tritt in eine Reihe mit den größten Namen, die der Golfsport je hervorgebracht hat.
Die Trophäe selbst hat eine bewegte Geschichte. Ursprünglich wurde kein Pokal, sondern ein roter Ledergürtel – der sogenannte Challenge Belt – an den Sieger verliehen. Als Young Tom Morris ihn durch drei Siege in Folge (1868–1870) dauerhaft erwarb, stand die Open ein Jahr lang ohne Trophäe da. 1872 einigten sich die drei ausrichtenden Clubs auf eine gemeinsame Lösung: einen silbernen Krug, gefertigt im Stil der Bordeaux-Karaffen des 19. Jahrhunderts. Die Claret Jug war geboren. Offiziell heißt die Trophäe bis heute „The Golf Champion Trophy" – doch dieser Name hat sich nie durchgesetzt.
Rekordsieger ist der Jerseyaner Harry Vardon, der die British Open sechsmal gewann – zwischen 1896 und 1914. Peter Thomson, Tom Watson, James Braid und J.H. Taylor folgten je mit fünf Siegen.
In Birkdale selbst haben vor allem Amerikaner und Australier Geschichte geschrieben. Von den zehn bisherigen Opens hier gewannen Spieler der USA sechs Mal, Australien dreimal – die einzige Ausnahme: Pádraig Harrington für Irland 2008. Der Kursrekord gehört dem Südafrikaner Branden Grace, der in der dritten Runde 2017 eine 62 auf die Scorecard schrieb – bis heute die niedrigste Runde, die je bei einem Major gespielt wurde. Sein Caddie Zack Rasego soll ihm nach dem finalen Einlochen ins Ohr geflüstert haben: „Du stehst in den Geschichtsbüchern."
Neben dem Hauptsieger zeichnet die Open seit 1949 auch den besten Amateurspieler aus, sofern er den Cut übersteht: mit der Silver Medal. Zwei Spieler haben in der Geschichte der Open sowohl die Silver Medal als auch die Claret Jug gewonnen: Tiger Woods und Rory McIlroy – ein Detail, das McIlroys Verbindung zu diesem Turnier noch einmal unterstreicht.
Royal Birkdale wartet. Die Dünen stehen. Der Wind weht. Und irgendwo im Feld der 156 Starter wird sich in den vier Tagen vom 16. bis 19. Juli 2026 entscheiden, wessen Name auf der Claret Jug verewigt wird.
Wird Scottie Scheffler der erste Titelverteidiger seit 18 Jahren? Holt Tommy Fleetwood vor dem Publikum seiner Heimatstadt den lang ersehnten Major-Sieg? Oder überrascht ein Außenseiter – so wie Branden Grace 2017 mit seiner unvergesslichen 62, die niemand hatte kommen sehen?
Die 154. Open Championship schreibt ihre Geschichte selbst - auf den Fairways zwischen den Dünen, in den Pot-Bunkern, auf den schnellen Grüns und im launischen Wind der englischen Westküste.
13 Jul 2026
Die Claret Jug, die Trophäe der Open Championship. (Foto: Imago / Action Plus)