


Wenn der härteste Platz der Welt auf den besten Spieler der Welt trifft, entsteht Golf-Geschichte. Vom 18. bis 21. Juni 2026 kämpfen die weltbesten Golfer bei der 126. US Open in Shinnecock Hills um den berühmtesten Titel im amerikanischen Golf – und mittendrin: Scottie Scheffler, der mit einem einzigen Sieg in die Geschichtsbücher eingehen kann.
Wer nach Southampton, New York, auf die Halbinsel zwischen dem Atlantik und dem Great Peconic Bay fährt, betritt heiligen Golfboden. Shinnecock Hills ist nicht einfach ein Golfplatz – es ist eine Institution. 1891 gegründet, ist der Club der älteste noch aktive Golfclub Amerikas an seinem ursprünglichen Standort. Und er ist der einzige Platz der Welt, der US Opens in drei verschiedenen Jahrhunderten ausgetragen hat: 1896, 1986, 1995, 2004, 2018 – und nun 2026.
Das aktuelle Layout, geformt durch den Architekten William Flynn in den Jahren 1930 und 1931, wirkt wie ein Stück schottische Küstenlandschaft, das nach Long Island verpflanzt wurde. Weitläufige Fairways aus Schwingel-Gräsern, kleine, exponierte Grüns auf Hügelkuppen, und vor allem: der Wind. Flynn designte die Löcher in Dreiecksformen, sodass Spieler unabhängig von der Windrichtung immer gegen mindestens eine ungünstige Seite kämpfen. Wer Shinnecock bezwingen will, muss nicht nur golf-technisch brillant sein – er muss mental unerschütterlich bleiben.
Die Zahlen der bisherigen US Opens auf diesem Platz sprechen Bände: In fünf Austragungen haben lediglich drei Spieler das Turnier unter Par beendet. Das ist keine Kuriosität – das ist Shinnecock Hills.
Die letzten beiden US Opens auf diesem Kurs haben Wunden hinterlassen, die noch nicht ganz verheilt sind. 2004 trockneten die Greens am Sonntag so extrem aus, dass Bälle das siebte Grün einfach nicht halten wollten und die USGA mitten in der Runde Wasser aufbringen musste. Der Felddurchschnitt an diesem Tag: 78,7 Schläge. Kein einziger Spieler blieb unter Par.
2018 waren es die glasglatten Grüns am Samstag, die das Turnier an den Rand des Chaos brachten. Keiner der letzten 45 Startergruppen brachte eine Par-Runde ins Clubhaus. Phil Mickelson schlug auf dem 13. Grün einen sich noch bewegenden Ball – eine bizarre Protestaktion, die ihn sofort disqualifizierbar gemacht hätte, aber letztlich nur mit Strafschlägen geahndet wurde. Die USGA entschuldigte sich öffentlich.
2026 soll alles anders werden. Der USGA-Turnierdirektor John Bodenhamer hat die Aufgabe, es diesmal richtig zu machen: „Die Art, wie wir dieses Jahr denken, ist: Lasst Shinnecock Shinnecock sein."
Konkret bedeutet das: breitere Fairways als je zuvor bei einer US Open. Der Durchschnitt liegt bei 48 Yards – gegenüber 42 Yards im Jahr 2018 und nur 32 Yards in Oakmont im Vorjahr. Die Grüngeschwindigkeiten werden moderat gehalten, bei ca. 11 auf dem Stimpmeter. Rory McIlroy, der den Platz bereits im Juni zu einer Übungsrunde besuchte, hält das für die richtige Entscheidung: „Wenn sie die Grüns bei dieser Geschwindigkeit halten, sie fest bekommen und die Fahnenpositionen nutzen, die sie wollen, ohne die Probleme zu haben, die sie bei den letzten US Opens hatten – dann wird es eine tolle Woche."
Adam Scott, der 2004 und 2018 bereits in Shinnecock gespielt hat, bringt es auf den Punkt: Hoffentlich finden sie die richtige Balance zwischen all den verschiedenen Herausforderungen, und es wirkt nicht aufgesetzt. Diese großartigen Plätze haben Probleme bekommen, wenn sie manipuliert wurden."
Es ist die Geschichte des Jahres – vielleicht sogar des Jahrzehnts: Scottie Scheffler, die Nummer eins der Weltrangliste, kommt nach Shinnecock Hills mit der Chance, als siebter Spieler der Geschichte den Career Grand Slam zu vollenden. Der 29-jährige Texaner hat bereits vier Major-Titel in seiner Sammlung: die Masters-Turniere 2022 und 2024 sowie die PGA Championship und The Open Championship aus dem Jahr 2025. Nur die US Open fehlt noch.
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Sollte Scheffler am Sonntag triumphieren – interessanterweise wäre das sein 30. Geburtstag – würde er in eine Reihe mit Jack Nicklaus, Gary Player, Gene Sarazen, Ben Hogan, Tiger Woods und Rory McIlroy treten. Noch beeindruckender: Gemeinsam mit Woods wäre er der einzige Spieler seit 1960, der den Grand Slam beim ersten Versuch abgeschlossen hat. McIlroy musste elf Jahre auf seinen letzten fehlenden Major warten, bevor er ihn 2025 beim Masters endlich gewann.
Scheffler selbst gibt sich der Situation gegenüber entspannt – zumindest nach außen hin: „Den Career Grand Slam zu gewinnen – ich glaube, das ist etwas, wovon jeder Golfer träumt. Aber am Ende des Tages versuche ich einfach, das Beste aus mir herauszuholen. Ich würde die US Open gerne gewinnen. Es ist ein Turnier, das ich liebe. Ich liebe mein Land, ich würde gerne die nationale Open meines Landes gewinnen."
Schefflers Bilanz bei der US Open ist stark, wenngleich ohne Sieg: In vier seiner letzten fünf Starts belegte er einen Top-7-Platz. Sein bestes Ergebnis war ein geteilter zweiter Platz 2022 in The Country Club. In der laufenden Saison 2026 hat er zwar "erst" einen Sieg erzielt, aber sechs Top-3-Platzierungen aus zwölf Starts gesammelt – ein Zeichen konstanter Klasse, auch wenn der große Durchbruch zuletzt ausblieb.
Auf Shinnecock Hills war er erst einmal, am 1. Juni zu einer Übungsrunde. Seine Einschätzung des Platzes klingt wie eine Warnung an das gesamte Feld: „Es ist einer dieser Plätze, auf dem zwar viel Raum vorhanden ist, aber die Bereiche, in die man treffen muss, sehr klein sind."
Wer Scheffler aufhalten kann, ist wohl nur einer: Rory McIlroy. Der 37-jährige Nordire hat Anfang April 2026 sein zweites Masters in Folge gewonnen und strebt nun seinen siebten Major-Titel an – was ihn zu einem der erfolgreichsten Major-Champions der Moderne machen würde. Bei der US Open hat McIlroy jedoch eine gemischte Bilanz. Seinen einzigen Triumph feierte er 2011, in seinem allerersten Major-Jahr überhaupt. Seitdem: fünf verpasste Cuts, aber auch zweimal Zweiter (2023, 2024). In Shinnecock Hills selbst verpasste er 2018 den Cut.
Sein aktuelles Sorgenkind ist das Driving. Beim Memorial Tournament, seinem letzten Test vor der US Open, traf er nur 53 Prozent der Fairways – für einen Spieler, der normalerweise mit dem Driver dominiert, ein beunruhigendes Zeichen. McIlroy weiß um das Problem und analysiert es bis ins kleinste Detail. Auf die Frage nach seiner Diagnose antwortete er: „Ich komme auf dem Weg nach unten ein wenig unter die Schwungbahn und versuche dann, am Griff zu ziehen, um das auszugleichen, und treffe die Schlagfläche außen. Das muss ich vor Shinnecock in Ordnung bringen."
Immerhin: Die breiteren Fairways von 2026 kommen ihm entgegen. Und sein Eisenspiel war beim Memorial hervorragend – Top 10 bei Strokes Gained: Approach. Wenn McIlroy das Driving stabilisiert, wird er eine ernsthafte Bedrohung für Scheffler und den Rest des Feldes sein. Seine Wettquote liegt bei +1000 bis +1200.

Inmitten aller Grand-Slam-Diskussionen läuft eine andere, bescheidenere Geschichte unter dem Radar: Adam Scott wird bei dieser US Open seinen 100. Major-Start in Folge absolvieren. Der Australier begann seine ununterbrochene Streak bei der British Open 2001 – und hat seitdem kein einziges Major verpasst. Nur Jack Nicklaus (146 aufeinanderfolgende Majors) hat mehr aufeinanderfolgende Starts vorzuweisen.
Jordan Spieth, der mit 52 Starts in Folge Dritter in dieser Liste ist, bringt die Leistung auf den Punkt: „Es ist verrückt. Es geht nicht nur darum, auf hohem Niveau zu spielen – man muss sich auch richtig um sich kümmern. Fast jeder, der diese Marke hätte erreichen können, hat sie wegen einer Verletzung verpasst."
Scott hat in Shinnecock Hills noch nie den Cut geschafft – 2026 wäre also auch in dieser Hinsicht ein historischer Abend.
Der zweifache US-Open-Champion Bryson DeChambeau kommt mit Fragezeichen nach Shinnecock Hills. Beim Masters und der PGA Championship hat er in dieser Saison den Cut verpasst. Sein Rezept für die Formfindung ist ungewöhnlich: Gespräche mit dem KI-Assistenten Google Gemini über Schwungphysik. Ob das reicht, um bei der US Open wieder oben mitzuspielen, bleibt abzuwarten.
Tommy Fleetwood (+2000) hat mit seiner legendären 63er-Schlussrunde beim letzten Shinnecock-Open 2018 bewiesen, dass er diesen Platz versteht. Nach einem Putterwechsel und zuletzt steigender Form könnte er die Überraschung der Woche werden. Wyndham Clark gewann die US Open 2023 und ist aktuell in Bestform. Ludvig Åberg (+2200) und Cameron Young (+1800) komplettieren die Riege jener Spieler, die einen Favoriten stürzen könnten.
Brooks Koepka gewann die US Open 2018 genau hier in Shinnecock Hills. Doch seine Rückkehr auf die PGA Tour verlief zuletzt enttäuschend, mit keinem einzigen Top-10-Ergebnis in zwölf Major-Starts. Zudem muss seine Teilnahme nach einer Verletzung als fraglich gelten.
Shinnecock Hills hat der Golf-Geschichte einige unvergessliche Momente geschenkt:
Neben Scheffler und McIlroy wird in dieser Woche eine dritte Kraft das Turnier mitbestimmen: der Wind. Frühe Wetterprognosen deuten auf Böen von bis zu 55 Kilometern pro Stunde am Freitag hin – vergleichbar mit jenem Samstag 2018, der das Turnier beinahe zum Desaster werden ließ.
Der entscheidende Unterschied zu damals: Auf nächtlichen Regen könnten die Greens weicher und damit beherrschbarer bleiben. McIlroy glaubt, dass die USGA diesmal bewusst auf einen niedrigeren Winning Score zusteuert – schlicht weil niemand, weder der Verband noch der Club, eine Wiederholung der Chaos-Ausgaben möchte.
Xander Schauffele bringt die Mentalität auf den Punkt, die man braucht, um diese Woche zu überstehen: „Deine Akzeptanzgrenze musst du deutlich nach oben setzen. Wenn sie bei 100 liegt, muss sie auf 150. Beim zweiten oder dritten Loch hast du vielleicht schon vier unglückliche Schläge gehabt. Es ist das anstrengendste der vier Majors."
Die US Open Golf 2026 in Shinnecock Hills ist mehr als ein weiteres Major. Sie ist ein Zusammenspiel aus Geschichte und Gegenwart, aus Legende und Ehrgeiz. Ein Platz, der seit über einem Jahrhundert Spieler in die Knie zwingt. Ein Spieler, der die Chance hat, in die ewigen Annalen des Sports einzugehen. Und eine Organisation, die beweisen will, dass sie aus ihren Fehlern gelernt hat.
Ob Scottie Scheffler seinen Grand Slam komplettiert, ob Rory McIlroy nach dem Masters seinen nächsten Streich landet, oder ob ein Außenseiter das Feld aufmischt – Shinnecock Hills wird für Dramatik sorgen. Das hat der Platz noch immer getan.
15 Jun 2026
Scottie Scheffler könnte bei der US Open 2026 den sogenannten "Career Grand Slam" im Golfsport vollenden. (Foto: Imago / Icon Sportswire)