


Der Beginn einer Major-Woche hätte kaum skurriler verlaufen können: Rory McIlroy, amtierender Masters-Champion und einer der heißesten Anwärter auf den Titel bei der PGA Championship 2026, verließ seinen Dienstagstraining in Aronimink bereits nach drei Löchern – sitzend auf einem Golfcart, den rechten Schuh in der Hand, lachend den Fans zuwinkend. Der Grund für das frühe Ende: eine Blase, die ihn seit Tagen plagt – und die er am Vorabend mit unorthodoxen Mitteln zu bekämpfen versucht hatte.
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Die Verletzung ist keine Überraschung. Bereits beim Truist Championship im nordkarolinischen Charlotte, wo McIlroy in der Vorwoche mit einem geteilten 19. Platz abschloss, war der Nordire mit einem Humpeln aufgefallen. Auf Nachfrage eines Reporters erklärte er die Ursache: „Ich habe eine Blase am kleinen Zeh meines rechten Fußes. Sie sitzt unter dem Nagel. Ich komme also kaum ran. Es tut ein bisschen weh, aber es wird schon."
Die unglückliche Lage der Blase – direkt unter dem Zehennagel – macht eine konventionelle Behandlung nahezu unmöglich. McIlroy selbst scherzte, er habe sie bereits am Freitagnachmittag in Charlotte gespürt, sei aber nicht auf die Idee gekommen, sie als Ausrede für schlechtes Spiel zu nutzen. Langfristige Bedenken schien er keine zu hegen: „Nein, es ist in Ordnung. Ich werde schon wieder fit sein."
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Was folgte, dürfte den meisten Golfprofis – und wohl auch den meisten Nicht-Golfern – die Stirn runzeln lassen. In der Nacht von Montag auf Dienstag entschied McIlroy, das Problem auf eigene Faust zu lösen: Er weichte den Fuß unter der Dusche auf und riss sich den Zehennagel kurzerhand selbst ab. „Ich habe ihn in der Dusche aufgeweicht und ihn dann einfach abgerissen", schilderte er wenig später – und grinste dabei.
Nach seiner Dienstags-Pressekonferenz in Aronimink ließ er einer kleinen Reportergruppe keine Wahl: Er zog Schuh und Socke aus und präsentierte das Resultat seiner improvisierten Behandlung. „Wollt ihr es sehen?", soll er gefragt haben, bevor er das Pflaster anhob. Mit dem freiliegenden Zehenbett im Gepäck trat er das Training an – in einem Schuh eine halbe Nummer größer als sonst, um dem wunden Bereich etwas mehr Spielraum zu verschaffen.
Der Plan, neun Loch zur Vorbereitung zu absolvieren, scheiterte rasch an der Realität. Bereits auf der dritten Bahn zog McIlroy seinen rechten Schuh aus und hielt kurz inne, beendete das Loch aber noch. Auf dem vierten Abschlag folgte die nächste Pause – diesmal mit einem ungewöhnlichen Experiment: McIlroy soll kurz den Schuh einer begleitenden Person anprobiert haben, ehe er entschied, es für diesen Tag gut sein zu lassen. Ein Golfcart brachte ihn zurück zum Clubhaus.
Wer in diesen Momenten einen sorgenvollen Weltklassespieler erwartete, wurde enttäuscht: McIlroy winkte den Zuschauern am Rand lächelnd zu, als würde er eine Ehrenrunde drehen. Golf Channel-Reporterin Kira K. Dixon traf ihn kurz darauf vor dem Clubhaus – Schuh aus, Zeh in Augenschein genommen, während sein Team mit mehreren Schuhkartons anrückte.
Trotz der ungewöhnlichen Bilder des Dienstags gibt es wenig Anlass zur Sorge, was McIlroys Start am Donnerstag betrifft. Das frühe Trainingsende wird allgemein als Vorsichtsmaßnahme gewertet – lieber einen Tag schonen als das Turnier zu gefährden. Zudem hatte McIlroy bereits vor zwei Wochen während der Cadillac Championship, die er bewusst ausließ, einen fünfstündigen Erkundungsbesuch in Aronimink absolviert. Die fehlenden Übungslöcher dürften den erfahrenen Major-Champion also kaum aus der Bahn werfen.
Ein gewisses Fragezeichen bleibt dennoch. Schließlich erinnert die Konstellation an den Rückzug von Jon Rahm vor dem US Open 2024, als der Spanier wegen einer Fußverletzung kurzfristig passen musste – ausgerechnet Rahm, mit dem McIlroy am Donnerstag in einer Gruppe abschlagen wird. Pikantes Detail am Rande.

Verletzungsdrama hin oder her – McIlroy betritt den Aronimink Golf Club in einer Verfassung, die ihm in den vergangenen Jahren noch gefehlt hatte. Der 37-Jährige ist amtierender Masters-Champion und verteidigte seinen Titel in Augusta im April als erst vierter Spieler der Geschichte. Damit hat er in den vergangenen zwei Jahren zwei der letzten fünf Major-Titel geholt – nach einer quälend langen Durststrecke, die ein Jahrzehnt andauerte.
Beim PGA Championship ist McIlroy kein Unbekannter: 2012 triumphierte er auf Kiawah Island, 2014 in Valhalla. Ein dritter Titel würde ihn auf sieben Major-Siege bringen – und damit den aktiven Spieler Phil Mickelson als Rekordhalter ablösen. Die Motivation ist also vorhanden, der Hunger spürbar. „Ich weiß, wie viel Glück ich habe und wie privilegiert meine Situation ist", sagte er auf der Pressekonferenz am Dienstag. „Man muss diese Momente genießen, denn sie währen nicht ewig."
Auch mental wirkt McIlroy befreiter als noch im Vorjahr, als er nach seinem lang ersehnten Grand-Slam-Titel in Augusta eine Phase der Orientierungslosigkeit durchlief. „In dieses Turnier zu kommen, fühlt sich ganz anders an als letztes Jahr. Ich habe das Gefühl, dass noch viel Weg vor mir liegt, um weitere Majors zu gewinnen", so McIlroy in der Pressekonferenz.
Wenn McIlroy am Donnerstag auf den Platz tritt, hat er eine klare Strategie im Kopf. Auf der Pressekonferenz skizzierte er seinen Ansatz für den par-70-Kurs im Stil eines Nordostamérika-Klassikers: aggressiv vom Tee, klug auf den Grüns. „Die Strategie vom Abschlag ist so gut wie nicht existent. Es geht im Grunde darum, den Driver so weit wie möglich hinzuschlagen und dann weiterzuschauen", erklärte er. Entscheidend sei dann das Spiel auf und um die Grüns: „Die Grüns sind der Hauptfokus dieser Woche. Es geht darum, sich in die richtigen Bereiche zu spielen und den Ball möglichst unterhalb der Fahne zu lassen. Das ist der Schlüssel."
Den Vergleich zu ähnlichen Setups scheut McIlroy nicht: Oak Hill 2023, wo traditionelle Plätze durch gefällte Bäume breite Spielkorridore erhalten haben, sei ein ähnliches Beispiel. Wer in dieser Woche den Driver beherrscht und die Grüns liest, hat gute Karten – McIlroys Selbsteinschätzung inklusive.
Am Donnerstag um 8:40 Uhr Ortszeit trifft McIlroy in einer hochkarätigen Gruppe auf Jon Rahm und Jordan Spieth. Ob er am Mittwoch noch eine Übungsrunde einlegt, hängt von der Erholung des Zehs ab. Der Schaden durch das verkürzte Dienstagstraining dürfte überschaubar sein – zumal McIlroy selbst keinen Hehl daraus macht, dass er ohnehin weniger Trainingsrunden absolviert als die meisten Kollegen. Das langsame Tempo der Übungsrunden bei Major-Turnieren sei schlicht zu viel Zeit für zu wenig Ertrag, ließ er wissen.
Was bleibt, ist das Bild eines Golfers, der selbst mit nacktem Zeh und Schmerzmittel im Gepäck zu den Topfavoriten der Woche zählt – und der das mit einer Gelassenheit trägt, die seinen Reifeprozess der vergangenen Jahre widerspiegelt. Der Nagel ist weg. Der Hunger auf den Titel ist geblieben.
13 May 2026
Rory McIlroy auf der Proberunde vor der PGA Championship 2026, die er kurz darauf abbrechen musste. (Foto: Imago / Icon Sportswire)