


Die PGA Tour hat in dieser Woche eine Entscheidung getroffen, die in der Golfwelt für erheblichen Gesprächsstoff sorgt: Rory McIlroy, sechsfacher Major-Sieger und einer der bekanntesten Golfer der Welt, wird trotz voraussichtlich nur 13 bis 14 Saisonstarts keine Konsequenzen zu befürchten haben. Das Regelwerk schreibt eigentlich 15 Pflichtstarts vor. Commissioner Brian Rolapp hat die sogenannte „Extenuating Circumstances Clause" aktiviert – eine Ausnahmeregelung, die McIlroy vor einer möglichen Jahressperre bewahrt.
Wer als Mitglied der PGA Tour seinen Status behalten möchte, muss pro Saison mindestens 15 vom Veranstalter anerkannte Turniere bestreiten. Diese Vorschrift ist keine Formalie – sie wurde in der Vergangenheit bereits zweimal konsequent durchgesetzt: 1986 traf es Seve Ballesteros, 2016 Martin Kaymer. Beide wurden für ein Jahr vom Tour-Betrieb ausgeschlossen.
Dass es im Falle McIlroys anders läuft, liegt an einer Klausel im offiziellen Spielerhandbuch der PGA Tour 2026. Diese ermöglicht dem Commissioner, die Mindestanforderung für ausländische Mitglieder auf Antrag zu reduzieren – bei medizinischen Gründen oder außerordentlichen Umständen, die er nach eigenem Ermessen als stichhaltig bewertet. McIlroy ist irischer Staatsbürger und langjähriges Mitglied der DP World Tour, womit er formell als ausländisches Mitglied gilt.
McIlroys Spieljahr 2026 verlief alles andere als reibungslos. Im März zwangen ihn Rückenmuskelkrämpfe zur Aufgabe beim Arnold Palmer Invitational. Kurz darauf trat er bei der Players Championship mit einer Fußverletzung an, bevor er sich auf das Masters konzentrierte. Mit dem Sieg in Augusta im April gelang ihm einer der Höhepunkte seiner Karriere. Weitere starke Ergebnisse folgten: ein zweiter Platz beim Genesis Invitational, Top-10-Platzierungen bei der PGA Championship und beim Memorial Tournament. Bei der U.S. Open in Shinnecock Hills schloss er mit einem geteilten 32. Platz ab, das anschließende Travelers Championship ließ er aus.
Das ergibt bislang neun PGA-Tour-Starts. Hinzu kommen die geplante Teilnahme an der Genesis Scottish Open sowie voraussichtlich alle drei Playoff-Events – womit McIlroy auf 13 bis 14 Turniere kommen dürfte. Zwei weniger als vorgeschrieben.
McIlroy selbst hat nie ein Geheimnis aus seiner Spielplanphilosophie gemacht. In der Vergangenheit erklärte er öffentlich, sich an Tiger Woods zu orientieren, der seine Starts stets gezielt und sparsam dosierte:
„Ich denke, die Menschen werden sich damit abfinden müssen, dass es so sein wird. Das ist das, was Tiger früher gemacht hat – er hat sich die Turniere ausgesucht, bei denen er den besten Rhythmus in seinem Terminkalender spürte und die besten Chancen zu gewinnen hatte. Ich glaube, was Scottie und ich im Moment tun, ist nicht anders." (Rory McIlroy, zitiert nach Golf Monthly)
Diese Aussage ist bemerkenswert – denn sie beschreibt eine strategische Entscheidung, keine verletzungsbedingte Notlage. Genau hier liegt der Kern der aktuellen Debatte.
Die Befürworter der Tour-Entscheidung verweisen darauf, dass die Klausel seit Jahren im Regelwerk verankert ist und bewusst Spielraum für außergewöhnliche Situationen lässt. McIlroys dokumentierte Verletzungen – Rücken im März, Fuß vor dem PGA Championship – liefern zumindest eine medizinische Grundlage. Zudem absolviert er als DP-World-Tour-Mitglied internationale Verpflichtungen, die in der PGA-Startbilanz nicht auftauchen.
Die Kritiker hingegen sehen ein grundlegenderes Problem. Golf-Journalist Joe Saia brachte es auf den Punkt: „Das ist eindeutig eine Sonderbehandlung. Alle Spieler haben die Freiheit, Events zu überspringen, um sich auf die Majors vorzubereiten. Aber nicht alle Spieler haben die Freiheit, die Mindestanforderung zu unterschreiten, ohne dafür bestraft zu werden."
Erschwerend kommt der Kontext hinzu: In den vergangenen Jahren hat die PGA Tour – nicht zuletzt im Zuge des Konflikts mit der LIV Golf League – immer wieder die Bedeutung gemeinsamer Spielerpflichten und des Zusammenhalts betont. Eine Ausnahme für den drittbesten Spieler der Welt wirkt da wie ein Widerspruch in sich. Das Golf-Medienportal Fore Play fasste die Stimmung vieler Fans knapp zusammen: „Rory wird die Mindestanforderung der PGA Tour von 15 Events in diesem Jahr nicht erfüllen – aber scheinbar nicht bestraft werden."
Die Entscheidung von Commissioner Rolapp mag regelkonform sein – sie ist es dem Buchstaben nach zweifellos. Die eigentliche Frage, die sie aufwirft, ist eine andere: Würde dieselbe Ausnahmeregelung auch einem weniger prominenten Spieler zugutekommen? Und falls nicht – was sagt das über den Gleichheitsgrundsatz auf der PGA Tour aus?
McIlroy wird den Scottish Open und die Playoff-Serie bestreiten und seine Saison mit deutlich weniger Starts als vorgeschrieben abschließen. Die Tour wird das tolerieren. Ob sie damit ihrer eigenen Glaubwürdigkeit einen Gefallen getan hat, ist eine Frage, die nicht der Commissioner beantwortet – sondern die Zeit.
29 Jun 2026
Rory McIlroy wird die Mindestanzahl von Turnieren auf der PGA Tour in der aktuellen Saison nicht erreichen - droht ihm eine Strafe? (Foto: Imago / UPI Photo)