


Nach seinem Masters-Sieg 2025 und dem emotionalen Ryder-Cup-Erfolg in Bethpage Black tritt Rory McIlroy zunehmend als diplomatisches Sprachrohr der Golfwelt auf. In jüngsten Statements reflektiert er die verstörenden Szenen von New York, kritisiert die US-Teamführung und wirbt überraschend offensiv für eine Rückkehr der LIV-Abtrünnigen zur PGA Tour.
Rory McIlroy hat eine bemerkenswerte Wandlung vollzogen. Vom einstigen „Schildknappen“ der PGA Tour hat er sich zu einem Realisten entwickelt, der die Heilung des zerrissenen Profisports über persönliche Differenzen stellt. In aktuellen Gesprächen – unter anderem im „Stick to Football“-Podcast sowie gegenüber der Palm Beach Post – lieferte der Nordire eine tiefgreifende Analyse zum aktuellen Zustand des Spiels.
Obwohl Team Europa im September 2025 einen historischen 15:13-Auswärtssieg feierte, bleibt der sportliche Triumph für McIlroy von den Begleitumständen überschattet. Die Atmosphäre in New York beschrieb er als beispiellos feindselig.
Dabei ging es laut McIlroy längst nicht mehr nur um sportliche Sticheleien, sondern um gezielte verbale Angriffe auf sein engstes Umfeld. „Ich habe Dinge über meine Tochter gehört, die ich hier nicht einmal wiederholen könnte. Es ist grauenhaft“, gab er im „Stick to Football“-Podcast preis. Während er Pöbeleien gegen die eigene Person gewohnt sei, markierten die Angriffe auf seine Frau Erica und Tochter Poppy eine neue, inakzeptable Stufe der Aggression.
McIlroy zog einen düsteren Vergleich zur Vergangenheit: „2016 haben wir den Ryder Cup in Minnesota gespielt, und ich dachte, das sei schlimm gewesen. Aber verglichen mit dem, was wir dieses Jahr gehört haben, war 2016 gar nichts.“ Er sehe darin ein Symptom einer allgemeinen gesellschaftlichen „Mob-Mentalität“, bei der eine kleine Minderheit von Krawallmachern die gesamte Stimmung eines 50.000 Zuschauer fassenden Events vergifte.
Inmitten dieses hitzigen Klimas spart McIlroy nicht mit Kritik an der Führung des US-Teams. Zwar habe er das Gespräch mit US-Kapitän Keegan Bradley gesucht, dennoch sieht er bei seinem Gegenüber eine verpasste moralische Verantwortung.
Gegenüber der BBC und im Podcast-Gespräch monierte Rory, dass Bradley seinen Einfluss als Kapitän nicht genutzt habe, um deeskalierend einzuwirken: „Keegan hatte die größte Plattform der Woche als Kapitän. Ich habe das Gefühl, er hätte am Freitag- oder Samstagabend etwas sagen können, um die Fans zur Mäßigung aufzurufen, und das hat er nicht getan.“ Zwar habe sich die Lage am Finaltag durch die Verteilung der Zuschauer auf dem Kurs etwas entspannt, doch die unterlassene Intervention der US-Führung bleibt für McIlroy ein wunder Punkt.
So unversöhnlich sich McIlroy angesichts der Fan-Exzesse zeigt, so pragmatisch bewertet er mittlerweile die Personalien rund um die LIV-Tour. Nachdem Brooks Koepka Ende 2025 seinen Rückzug aus der saudi-arabischen Liga bekannt gab, fordert McIlroy eine unkomplizierte Rückkehr des Superstars.
„Macht es Sinn, Brooks so schnell wie möglich zurückzuholen, wenn er wieder auf der PGA Tour spielen will? Absolut“, erklärte er der Palm Beach Post. Er ist überzeugt, dass der Golfsport seine Stars vereinen muss, um seine globale Bedeutung nicht zu verlieren. Dies gelte auch für Bryson DeChambeau, trotz der medialen Spannungen, die beide noch während des Masters 2025 austrugen.
Seine Begründung für diese Milde ist ein neuer Blick auf die „Bestrafung“ der Wechsler: „Sie haben ihr Geld verdient, aber sie haben die Konsequenzen in Form ihres Rufes gezahlt und durch Dinge, die sie verloren haben, als sie dorthin gingen“, so McIlroy im „Stick to Football“-Podcast. Für ihn ist der erlittene Imageverlust Sanktion genug.
McIlroy bleibt jedoch skeptisch, was das Modell der Konkurrenzliga betrifft. Den Wechsel von LIV Golf auf das klassische 72-Löcher-Format kommentierte er fast schon mitleidig als Identitätsverlust: „Was ist denn noch anders, außer dem Geld?“
Für die Golfwelt senden McIlroys Worte eine klare Botschaft: Der Sport steht an einem Wendepunkt. Wenn selbst sein profiliertester Verteidiger zur Versöhnung aufruft, könnte 2026 das Jahr werden, in dem die Gräben endgültig zugeschüttet werden.
05 Jan 2026
Rory McIlroy gibt in verschiedenen Medienauftritten tiefe Einblicke in den Zustand des Golfsports. (Foto: Imago / Zuma Press Wire)