


Als Kristoffer Reitan seinen letzten Putt auf dem 18. Grün von Quail Hollow einlochte, hielt er kurz inne. Keine ausgelassene Jubelgeste, kein Triumphschrei – nur ein leises Lächeln, die Hand vor dem Mund, und dann eine lange Umarmung mit seinem Caddie. Der Moment wirkte fast zu groß, um ihn vollständig zu erfassen. Für den 28-jährigen Norweger war er das: ein Augenblick, der Jahre des Zweifels, der Entbehrung und des Wiederaufbaus in sich trug.
Mit einer abschließenden Runde von 69 Schlägen (−2) gewann Reitan am Sonntag die Truist Championship auf dem Quail Hollow Club in Charlotte, North Carolina – sein erster Sieg auf der PGA Tour, in erst seinem 15. Start, bei einem der prestigeträchtigsten Signature Events der Saison. Am Ende betrug sein Vorsprung zwei Schläge auf Rickie Fowler und den Dänen Nicolai Højgaard. „Ich habe ehrlich gesagt keine Worte", sagte er nach dem Sieg. „Das übertrifft alles, was ich erwartet hatte – und dass es so schnell passiert, ist einfach unwirklich. Ein Traum, der wahr wird."
Hier finden Sie das komplette Leaderboard der Truist Championship.
Der Weg zum Titel war alles andere als geradlinig. Reitan startete die Schlussrunde einen Schlag hinter dem englischen Führenden Alex Fitzpatrick, der nach drei Runden souverän an der Spitze gelegen hatte. Doch Fitzpatrick, der auf seinen ersten Einzeltitel auf der PGA Tour gehofft hatte, taumelte von Beginn an: Ein Bogey auf Loch zwei, ein Doppelbogey auf Loch drei nach einem Fehlabschlag und anschließendem Chip-out mit drei Putts ließen ihn auf der Front Nine auf +3 abstürzen.
Gleichzeitig zündete Rickie Fowler ein Feuerwerk. Der 37-jährige Amerikaner, der die Runde sieben Schläge hinter der Führung begonnen hatte, spielte die ersten neun Löcher in 30 Schlägen – sechs unter Par – und übernahm überraschend die Führung. Das Turnier schien sich plötzlich in eine ganz andere Geschichte zu verwandeln.
Reitan blieb inmitten des Lärms ruhig. Er spielte die Front Nine in Par, ohne Ausreißer nach oben oder unten, und hielt sich in Schlagdistanz. Auf der Back Nine lief das Turnier zu seiner dramatischsten Phase auf: Fitzpatrick kämpfte sich mit drei Birdies auf vier Löchern zurück ins Rennen, Fowler, Højgaard und Reitan hielten ebenfalls mit – auf Loch 13 teilten sich zeitweise vier Spieler die Führung bei −13.
Es war jener Moment, in dem Turniere gewöhnlich entschieden werden – nicht durch große Gesten, sondern durch kleine Fehler. Fowler verpasste auf Loch 16 einen Birdie-Putt aus knapp zwei Metern. Højgaard spielte Loch 16 mit einem Bogey. Und Fitzpatrick, wieder ans Feld herangerückt, traf auf Loch 17, einem Par 3, sein Chip aus dem tiefen Rough nicht auf das Grün – Doppelbogey, das Rennen war gelaufen.
Reitan hingegen hatte bereits vorgesorgt: Mit zwei aufeinanderfolgenden Birdies auf den Löchern 14 und 15 – einem Bunker-Rettungsschlag auf 14 und einem präzisen Zwei-Putt aus über 16 Metern auf 15 – übernahm er die alleinige Führung. Die berüchtigte Green Mile, die letzten drei Löcher von Quail Hollow, spielte er in gleichmäßigem Par. „Es erforderte Mut", sagte er später. „Das sind extrem unangenehme Schläge, auch ohne den Druck einer Schlussrunde. Ich musste wirklich alles abrufen."
Wer den Namen Reitan vor dieser Woche nicht kannte, dürfte in guter Gesellschaft gewesen sein – und genau das beschreibt die Besonderheit dieses Sieges. Der Norweger ist auf der PGA Tour ein relativer Neuling, einer, der sich seinen Platz im Feld buchstäblich erspielt hat.
Aufgewachsen mit zwei Leidenschaften – Golf und Fußball –, entschied er sich früh für den Schläger statt den Ball. Seine Eltern machten Golf zur Familienangelegenheit: Jeden Weihnachtsurlaub reiste die Familie in ein wärmeres Land, damit Reitan spielen und sich verbessern konnte. „Sie haben Golf in unserem Haushalt zur absoluten Priorität gemacht", sagte er nach dem Sieg, sichtlich bewegt. „Das war ein enormer Einsatz, und ich könnte nicht dankbarer sein."
Doch der Weg nach oben verlief nicht reibungslos. Irgendwann um das Jahr 2022 herum – Reitan war zu diesem Zeitpunkt auf der DP World Tour aktiv – erlosch die Freude am Spiel. Die Ergebnisse stimmten nicht, der Spaß fehlte, und der Norweger stellte sich eine Frage, die viele Profisportler kennen, aber selten laut aussprechen: Ist es das noch wert?
Er erwog, das professionelle Golf hinter sich zu lassen. Ein YouTube-Kanal schien eine verlockende Alternative – eine Möglichkeit, dem Spiel auf leichterem Wege verbunden zu bleiben. Gespräche mit Produktionsfirmen führte er tatsächlich. „YouTube-Golf hätte mir vielleicht den spielerischen Spaß zurückgebracht – wenn auch nicht den ernsthaften Wettkampf", erklärte er. „Ich suchte einfach nach Wegen, das Ganze wieder leichter zu machen."
Am Ende blieb er. Er legte die Schläger eine Weile zur Seite, spielte dann wieder, wenn er es wollte – mit Freunden, ohne Druck, für sich selbst. Die Freude kehrte zurück. Und mit ihr das Spiel.
Der Durchbruch kam im vergangenen Jahr: Bei der Soudal Open auf der DP World Tour startete Reitan in die Schlussrunde neun Schläge hinter dem Führenden. Er spielte die abschließenden 15 Löcher mit neun Birdies, schoss einen Platzrekord von 62 und gewann im Playoff. Ein zweiter Turniersieg folgte. Mit diesen Resultaten in der Tasche sicherte er sich die PGA-Tour-Karte für die Saison 2026.
„Es hat mir geholfen, mein Spiel wiederzufinden", sagte Reitan über die schwierige Zeit. „Meine Talente neu zu entdecken. Das war etwas wirklich Wichtiges für mich, das ich mir jeden Tag vor Augen halte."
Dass Reitan überhaupt in Charlotte am Start war, grenzte an ein kleines Wunder. Noch in der Vorwoche hatte er bei der Cadillac Championship in Miami gespielt – und das nur, weil Jake Knapp kurz vor Beginn des Turniers verletzt zurückgezogen hatte. Reitans Caddie Tim Poyser war bereits nach Schottland zurückgereist und musste kurzfristig den nächsten verfügbaren Flug nehmen, um rechtzeitig vor Ort zu sein.
Reitan spielte in Miami oben mit, brach am Sonntag leicht ein und beendete das Turnier mit einem Doppelbogey auf der letzten Bahn – was ihn, so schien es, aus dem Feld der Truist Championship ausschloss. Doch die verschlungenen Qualifikationsformeln der PGA Tour spielten ihm in die Hände: Ein später Bogey eines Mitbewerbers verschob die Punkterangliste so, dass Reitan sich über die sogenannte "Aon Swing 5" doch noch ins Feld spielte.
„Für mich ergibt das keinen Sinn, denn eigentlich sollte ein schlechtes Loch nicht belohnt werden", sagte er mit einem Schmunzeln. „Aber ich nehme es gerne an – und stelle keine weiteren Fragen."
Alex Fitzpatrick wird diesen Sonntag noch eine Weile beschäftigen. Der 27-jährige Engländer war erst vor wenigen Wochen durch den gemeinsamen Sieg mit Bruder Matt beim Zurich Classic auf die PGA Tour gelangt – ein Sieg, der ihm eine Zwei-Jahres-Befreiung einbrachte, aber auch die Erwartungshaltung erhöhte. Nach drei Runden schien ein Triumph möglich, sogar wahrscheinlich. Doch der verhängnisvolle Start und der Doppelbogey auf 17 besiegelten am Ende einen vierten Platz. „Es ist seltsam, enttäuscht zu sein, aber ich bin es trotzdem", gestand er. „Ich freue mich für Kris – er verdient es. Und ich hoffe, dass es irgendwann meine Zeit sein wird."
Rickie Fowler spielte trotz einer Sinusinfektion und Fieber in der Auftaktrunde das vielleicht bemerkenswerteste Turnier seiner jüngeren Vergangenheit. Seine letzten drei Runden waren die besten im gesamten Feld – sechs Schläge besser als alle anderen. Der verpasste Putt auf 16 und der Bogey auf 18 kosteten ihn am Ende den Sieg. „Es war eine tolle Woche, gerade wenn man bedenkt, dass ich nicht ganz auf der Höhe war", resümierte er. Für Fowler, der auf seinen ersten Sieg seit der Rocket Classic 2023 wartet, war es dennoch ein Aufwärtssignal: drei Top-10-Platzierungen in Folge, Rang 17 in der FedEx-Cup-Wertung.
Cameron Young, Weltranglisten-Dritter und Titelverteidiger der Vorwoche aus Doral, erlebte hingegen einen frühen Absturz. Ein Doppelbogey auf Loch zwei brachte ihn nie ins Rollen. Die Schlussrunde 74 bedeutete einen geteilten zehnten Platz – sechs Schläge hinter dem Sieger.
Kristoffer Reitan ist erst der zweite Norweger nach Viktor Hovland, der ein Turnier auf der PGA Tour gewonnen hat. Und er reiht sich in eine illustre Liste von Spielern ein, die ausgerechnet auf Quail Hollow ihren ersten Tour-Sieg feierten – darunter Rory McIlroy, Rickie Fowler und Max Homa.
Statistisch stach Reitan in dieser Woche vor allem mit dem Putter heraus: +5,158 Strokes Gained/Putting, der zweitbeste Wert im gesamten Feld. In einem Turnier, das auf einem der anspruchsvollsten Schlussabschnitte im Profi-Golf entschieden wird, war das kein Zufall – es war der Unterschied.
Der Sieg passt auch in ein größeres Bild: Skandinavische Golfer prägen die Weltspitze wie nie zuvor. Das norwegische Entwicklungssystem, das nach eigener Aussage Reitans auf Freude und Nachhaltigkeit statt auf frühen Leistungsdruck setzt, scheint Früchte zu tragen. „Ich bin sehr froh, Skandinavier auf der PGA Tour aufblühen zu sehen", sagte er.
Noch bevor der Champagner getrunken ist, wartet die nächste Herausforderung. Reitan tritt in der kommenden Woche bei der PGA Championship in Aronimink an – erst sein viertes Major überhaupt, und das erste als amtierender PGA-Tour-Champion. „Ich werde diesen Moment genießen", versprach er. „Aber es gibt viel zu tun – und ich freue mich darauf."
Wer Reitans Geschichte kennt, zweifelt daran nicht.
11 May 2026
Kristoffer Reitan aus Norwegen gewinnt mit der Truist Championship 2026 seinen ersten Titel auf der PGA Tour. (Foto: Imago / Icon Sportswire)