


Wenn am Freitag im niederländischen Cromvoirt der erste Ball abgeschlagen wird, treffen nicht nur zwei zwölfköpfige Mannschaften aufeinander. Der Solheim Cup 2026 ist auch ein Wettbewerb zwischen Erfahrung und Aufbruch, zwischen individueller Klasse und funktionierenden Partnerschaften. Die USA kommen als Titelverteidiger nach Bernardus Golf, Europa setzt auf die Unterstützung des Publikums und eine Mischung aus bewährten Kräften und jungen Spielerinnen.
Eine Personalie überschattet die letzten Vorbereitungstage besonders: Angel Yin soll für die USA antreten, doch ihre körperliche Verfassung bleibt ein Thema.
Erfahren Sie hier alles zum SOlheim-Cup-2026-Livescoring, der TV-Übertragung und den Teams.
US-Kapitänin Angela Stanford hat den Einsatz von Angel Yin vor dem Turnier bestätigt. „Sie spielt. Sie hat zwei Proberunden gespielt“, sagte Stanford nach Angaben des Golf Channel. Yin hat sich damit in Bernardus auf den Wettbewerb vorbereitet. Gleichzeitig ist Lilia Vu als Ersatzspielerin vor Ort und hält sich für einen möglichen Einsatz bereit.
Diese Kombination erzählt mehr als die offizielle Bestätigung allein. Yin ist Teil des US-Teams, ihre Belastbarkeit wird aber weiterhin aufmerksam beobachtet. Die 27-Jährige hatte während der KPMG Women’s PGA Championship Ende Juni mit starken Magenproblemen zu kämpfen, musste das Turnier vorzeitig beenden und wurde anschließend sechs Tage im Krankenhaus behandelt. Nach eigener Aussage verlor sie rund 35 Pfund. Seit ihrer Pause bestritt sie nur ein Turnier: Bei der FM Championship kam sie auf Runden von 81 und 76 Schlägen und verpasste den Cut.
Eine konkrete Diagnose ist nicht öffentlich bekannt. Fest steht jedoch, dass Yin unter schwierigen Voraussetzungen nach Bernardus reist. Sie qualifizierte sich automatisch über die US-Punkteliste und bringt eine überzeugende Solheim-Cup-Bilanz von fünf Siegen, drei Niederlagen und einem Unentschieden mit. Ihre Erfahrung und ihre bisherigen Leistungen erklären, warum Stanford auf ihre Teilnahme setzt.
Auch die Rolle von Lilia Vu macht die Situation relevant. Vu holte 2024 den entscheidenden halben Punkt, mit dem die USA den Solheim Cup in Virginia gewannen. In diesem Jahr gehört sie nicht zum aktiven Kader, ist aber als erste Ersatzspielerin beim Team. Sollte Yin kurzfristig nicht antreten können, wäre Vu keine unerfahrene Notlösung, sondern eine Spielerin mit eigener Solheim-Cup-Geschichte.
Der sportliche Fixpunkt des US-Teams bleibt Nelly Korda. Die Weltranglistenerste gewann 2026 unter anderem die Chevron Championship und die U.S. Women’s Open und führt eine Mannschaft an, die den Pokal verteidigen möchte. Für Korda ist es der fünfte Solheim Cup nach ihren Einsätzen 2019, 2021, 2023 und 2024.
Ihre Bilanz im Kontinentalvergleich ist stark: In 16 Matches gewann Korda zehnmal, fünf Partien gingen verloren, eine endete unentschieden. Besonders erfolgreich war sie bisher im Foursome. Sechs ihrer zehn Siege gelangen ihr in diesem Format. Mit Allisen Corpuz bildet sie zudem ein eingespieltes Duo: Die beiden gewannen alle vier gemeinsamen Foursomes bei den vergangenen beiden Austragungen.
Trotz ihrer individuellen Klasse wartet Korda noch auf einen besonderen Erfolg. Ihren bislang einzigen Solheim-Cup-Sieg feierte sie 2024 auf heimischem Boden. In Europa konnte sie mit dem US-Team den Pokal noch nicht gewinnen. Die Amerikanerinnen waren zuletzt 2015 auf europäischem Boden erfolgreich – damals mit einem spektakulären Comeback in Deutschland. Seitdem setzte sich Europa 2019 in Schottland durch, 2023 endete das Duell in Spanien mit einem 14:14, und 2024 gewann die USA in Virginia mit 15,5:12,5.
Korda trägt deshalb eine doppelte Rolle: Sie ist die beste Spielerin im Feld und zugleich das prominenteste Gesicht eines Teams, das auswärts eine lange Durststrecke beenden möchte. Dass ein Solheim Cup nicht allein über die Nummer eins der Weltrangliste gewonnen wird, weiß auch die US-Kapitänin. Entscheidend wird sein, wie Stanford Korda einsetzt und welche Partnerschaften neben dem bewährten Duo mit Corpuz entstehen.
Das ist der Kader des US Teams beim Solheim Cup 2026.
Auf europäischer Seite steht Anna Nordqvist im Mittelpunkt. Die Schwedin führt das Team erstmals als Kapitänin an, nachdem sie 2023 und 2024 als spielende Vizekapitänin Erfahrungen in der Führungsrolle gesammelt hatte. Als Spielerin nahm sie neunmal am Solheim Cup teil. Nun muss sie die Entscheidungen außerhalb der Begrenzungen des Platzes treffen.
Die Aufgabe ist auch deshalb besonders, weil Nordqvist Ende August ihren Rücktritt vom Vollzeit-Wettkampfgolf bekannt gab. Bernardus ist der erste Solheim Cup seit 2007, den sie nicht selbst als Spielerin bestreitet. Ihre Erfahrung bleibt Europa allerdings erhalten – in anderer Form. Nordqvist kennt die Belastung des Wettbewerbs, die Bedeutung der Paarungen und die Dynamik eines Teamraums aus eigener Anschauung.
Ihre Führungsphilosophie wirkt dabei bewusst zurückhaltend. Im Hinblick auf Charley Hull sagte Nordqvist gegenüber Sky Sports: „Man muss Charley einfach Charley sein lassen.“ Der Satz beschreibt einen Ansatz, bei dem die Spielerinnen nicht in ein künstliches Rollenbild gedrängt werden sollen. Sie sollen ihre Stärken einbringen, während die Kapitänin für Struktur und Orientierung sorgt.
Nordqvist muss dabei ein Team formen, das auf einige erfahrene Spielerinnen verzichten muss. Georgia Hall kehrte erst vor Kurzem nach der Geburt ihres Kindes in den Turnierbetrieb zurück und verpasste die Auswahl. Madelene Sagström steht wegen ihrer Schwangerschaft nicht zur Verfügung. Emily Kristine Pedersen verlor in den vergangenen Jahren an Form und gehört ebenfalls nicht zum europäischen Aufgebot. Zusammen bringen diese drei Spielerinnen 22 Solheim-Cup-Teilnahmen auf die Waage.
Der Erfahrungslücke stellt Europa eine neue Generation entgegen. Lottie Woad, Julia López Ramírez, Nastasia Nadaud und Mimi Rhodes stehen erstmals in einem Solheim-Cup-Team. Für drei von ihnen ist Bernardus der erste Auftritt auf dieser Bühne. Woad ist dagegen nur auf dem Papier eine klassische Debütantin.
Die Engländerin ist die Nummer sieben der Weltrangliste und gewann seit ihrem Wechsel ins Profilager bereits zweimal auf der LPGA Tour. Damit gehört sie nicht nur zum Nachwuchs, sondern zu den sportlich wichtigsten Spielerinnen im europäischen Team. Ihre Aufgabe wird vermutlich über die eines unerfahrenen Teammitglieds hinausgehen.
Neben Woad verfügt Europa über mehrere Spielerinnen mit großer Solheim-Cup-Erfahrung. Charley Hull und Carlota Ciganda stehen vor ihrem jeweils achten Einsatz, Céline Boutier spielt ihren fünften Solheim Cup. Leona Maguire, die 2021 eine entscheidende Rolle beim europäischen Auswärtssieg spielte, wurde von Nordqvist als Captain’s Pick nominiert. Esther Henseleit war bereits 2024 dabei und sammelte damals gemeinsam mit Hull wichtige Erfahrungen im Foursome.
Europa muss also nicht bei null beginnen. Das Team besitzt einen erfahrenen Kern, ergänzt ihn aber um Spielerinnen, die den Wettbewerb in dieser Form noch nicht erlebt haben. Die zentrale Frage lautet, ob die Routiniers den Debütantinnen Sicherheit geben können, ohne die neue Energie der jüngeren Spielerinnen zu bremsen.
Lernen Sie hier das Team Europe beim Solheim Cup 2026 kennen.
Eine besondere Rolle kommt Charley Hull zu. Die Engländerin steht vor ihrem achten Solheim Cup in Folge und hat bereits 15 Matches in diesem Wettbewerb gewonnen. Beim europäischen Sieg 2019 in Gleneagles blieb sie ungeschlagen. Vor zwei Jahren schlug sie Nelly Korda im Einzel mit 6&4 und setzte damit am Finalsonntag ein deutliches Zeichen.
Dame Laura Davies, die mit zwölf Teilnahmen und 25 Punkten die Rekordlisten des Solheim Cups anführt, sieht Hull als eine der entscheidenden Spielerinnen Europas. „Ich glaube, sie spielt wahrscheinlich das beste Golf ihrer Karriere. Aber das Problem bei Charley ist, dass sie nicht genug gewinnt“, sagte Davies im Gespräch mit dem Independent. Die Aussage ist weniger als Kritik gemeint denn als Ausdruck hoher Erwartungen: Hull liefert regelmäßig starke Leistungen, hat ihre Qualität aber noch nicht in genügend Turniersiege übersetzt.
Davies erwartet nicht unbedingt, dass Hull im Teamraum die lauteste Stimme übernimmt. Ihre Führungsrolle könne vielmehr auf dem Platz entstehen – durch aggressive Schläge, gewonnene Matches und die Bereitschaft, gegen die stärksten Spielerinnen anzutreten.
Für kurzzeitige Aufmerksamkeit sorgte Hull bereits während der Vorbereitung. Sie kam am Dienstag wenige Minuten zu spät zu ihrer Trainingsrunde. Ein Social-Media-Clip führte zu Spekulationen über einen angeblichen Abend mit Alkohol. Vizekapitänin Mel Reid wies das zurück und erklärte, Hull habe ihre Abschlagszeit falsch eingeschätzt und sich nur schwer von der Driving Range lösen lassen. „Sie war zu spät, weil sie dachte, ihre Abschlagszeit sei fünf Minuten später“, sagte Reid nach Angaben von Sky Sports.
Die Episode ist sportlich nebensächlich, zeigt aber, wie stark Hull im Mittelpunkt steht. Europa wird ihre Individualität akzeptieren müssen – und zugleich darauf hoffen, dass sie ihre Energie in Punkte umsetzt.
Vor dem ersten Abschlag sind deshalb nicht nur die Namen der Spielerinnen interessant, sondern vor allem ihre Kombinationen. Nordqvist beschrieb die Zusammenstellung der Paarungen als ein langwieriges Puzzle. Im Foursome müssen zwei Spielerinnen mit nur einem Ball, wechselnden Abschlägen und maximalem Vertrauen miteinander funktionieren. Im Fourball können sie ihre individuellen Stärken offensiver einsetzen.
Besonders gespannt wird auf drei Entscheidungen geschaut: Wird Nordqvist Woad und Hull gemeinsam aufstellen oder die beiden als getrennte Leistungsträgerinnen einsetzen? Bleibt Korda an der Seite von Corpuz das bevorzugte US-Duo im Foursome? Und wie stark kann Stanford Angel Yin in den ersten beiden Tagen einsetzen?
Auch die vier europäischen Debütantinnen könnten früh Verantwortung übernehmen. Im Solheim Cup ist Erfahrung wertvoll, aber sie garantiert keine Punkte. Matchplay lebt von Tagesform, Mut und der Fähigkeit, in entscheidenden Momenten den nächsten Schlag auszuführen. Genau darin kann der frische Blick der Rookies zum Vorteil werden.
Regeln und Spielformen: So funktioniert der Solheim Cup.
Der Austragungsort verstärkt die Spannung. Der Solheim Cup findet 2026 erstmals in den Niederlanden statt. Rund 3.000 Zuschauer können sich allein am ersten Abschlag versammeln. Die niederländische Kulisse wird mit ihren orangefarbenen Farben sichtbar sein und den US-Spielerinnen unmittelbar vermitteln, dass sie in Bernardus auf fremdem Boden antreten.
Dame Laura Davies erwartet, dass die Atmosphäre den Ausschlag geben kann. Auf dem Papier seien die Amerikanerinnen vermutlich leicht favorisiert, sagte sie gegenüber Sky Sports. Der Heimvorteil könne jedoch einen entscheidenden Unterschied machen.
Die Ausgangslage bleibt damit offen. Die USA bringen die Weltranglistenerste, den Pokal und mehr Tiefe in den oberen Regionen der Weltrangliste mit. Europa kann auf eine erfahrene Spitze, Lottie Woads außergewöhnliche Ausgangslage und die Unterstützung des Publikums bauen.
Vor dem ersten Abschlag in Bernardus sind deshalb vor allem drei Fragen offen: Wie belastbar ist Angel Yin? Welche Paarungen findet Anna Nordqvist für ihre Mannschaft? Und kann Charley Hull ihre starke Form in entscheidende Punkte verwandeln?
Die Antworten werden nicht in den Pressekonferenzen fallen, sondern auf dem Platz. Wahrscheinlich wird es bis Sonntag dauern, bis feststeht, welches Team mit seinen besonderen Voraussetzungen besser umgegangen ist.
09 Sep 2026
Charley Hull (links) und Nelly Korda werden beim Solheim Cup 2026 zu den prägenden Figuren gehören. (Foto: Imago / Icon Sportswire)