


Von der tiefsten Enttäuschung zum Gipfel des Amateur-Golfsports: Maria José Marín hat die Augusta National Women’s Amateur (ANWA) 2026 mit einer Machtdemonstration gewonnen. Während die Kolumbianerin einen neuen Fabelrekord aufstellte, erlebte die Favoritin Asterisk Talley an der berühmtesten Brücke der Golfwelt ein sportliches Drama.
Es ist das ungeschriebene Gesetz in Augusta: Das Turnier beginnt erst auf den zweiten neun Löchern am Finalsamstag. Selten bestätigte sich diese Weisheit so grausam wie bei der diesjährigen ANWA. Die 17-jährige US-Amerikanerin Asterisk Talley startete mit einer makellosen Bilanz in den Tag – über 45 Löcher hatte sie kein einziges Bogey kassiert. Doch am legendären 12. Loch, dem kurzen Par-3 „Golden Bell“, holte der Platz sie ein.
Nach einem verzogenen Abschlag in den Bunker und zwei aufeinanderfolgenden Bällen im Rae’s Creek notierte Talley ein Quadruple-Bogey. „Ich bin einfach ein wenig emotional“, gestand eine sichtlich mitgenommene Talley gegenüber Golfweek nach der Runde. Trotz des Rückschlags bewies sie Größe: „Das definiert mich nicht als Golferin. Ich weiß, was für eine Spielerin ich bin.“ Trost spendete ihr ausgerechnet Profi-Star Bryson DeChambeau, der sie im Ziel abfing: „Er sagte, ich solle den Kopf oben halten. Er war selbst schon in dieser Position und weiß, wie es sich hier anfühlt“, so Talley.
Während Talley strauchelte, blieb Maria José Marín eiskalt. Die 19-jährige Studentin der University of Arkansas spielte sich mit einer beeindruckenden 68er-Runde (-4) an die Spitze. Mit einem Gesamtergebnis von 14 unter Par pulverisierte sie den bisherigen Streckenrekord der ANWA um zwei Schläge.
Ein Schlüssel zu ihrem Erfolg war die personelle Umstellung an ihrer Tasche. Nachdem ihr Vater im Vorjahr als Caddie fungierte und sie den Cut verpasste, setzte sie dieses Jahr auf „Mr. Darren“, einen lokalen Caddie-Veteranen. „Mein Vater entschied dieses Jahr, dass er nicht an der Tasche sein kann“, erklärte Marín laut Golf Channel. „Er sagte: Du brauchst jemanden, der sich auskennt. Es war eine der schönsten und selbstlosesten Entscheidungen, die er je treffen konnte.“
Marín ist erst die dritte NCAA-Siegerin nach Jennifer Kupcho und Rose Zhang, die auch die ANWA gewinnen konnte. Besonders beeindruckend war ihre Reaktion auf die Führung: Nachdem sie den Einbruch Talleys auf dem Leaderboard sah, konterte sie aufkommende Nervosität mit einem spektakulären Birdie an Bahn 16.
Hinter der Kolumbianerin sicherten sich Andrea Revuelta (Spanien, -10) und die Koreanerin Oh Soomin (-9) die weiteren Plätze. Doch das Rampenlicht gehörte Marín, die als erste Kolumbianerin die Tiffany-Trophäe in der Butler Cabin entgegennahm. „Es bedeutet mir die Welt“, so die Siegerin, deren breites Lächeln während des gesamten Ganges über die 18. Bahn nicht wich.

Der Sieg bei der ANWA ist mehr als nur eine Trophäe für die Vitrine. Marín hat sich mit diesem Erfolg Tür und Tor zur Weltelite geöffnet. Durch den Titel erhält sie Startberechtigungen unter anderem für für die folgenden Major-Turniere der Damen:
Zudem sammelt sie wertvolle Punkte für das „LPGA LEAP“-Programm, das Amateurinnen den Übergang auf die Profitour erleichtert. Marín tritt damit in die Fußstapfen von Spielerinnen wie Lottie Woad oder Rose Zhang, die die ANWA als finales Sprungbrett für eine Weltkarriere nutzten.
Für Asterisk Talley bleibt die Hoffnung auf das nächste Jahr – Augusta National ist bekannt dafür, Narben zu hinterlassen, aber auch für die Geschichten der späten Revanche. Für Maria José Marín hingegen ist 2026 das Jahr, in dem sie vom Talent zur historischen Rekordhalterin aufstieg.
06 Apr 2026
Maria José Marín gewinnt die ANWA 2026 mit Rekord-Score. (Foto: Imago / UPI Photo)